Seit dem 10. Dezember 2025 ist Australien weltweit das erste Land, das unter 16-Jährigen den Zugang zu sozialen Plattformen wie TikTok, Instagram, Snapchat und YouTube per Gesetz verwehrt. Innerhalb weniger Wochen wurden rund 4,7 Millionen Konten von Minderjährigen deaktiviert. Kommunikationsministerin Anika Wells bezeichnete dies als „riesigen Erfolg“.
Studie zeigt hohe Umgehungsrate
Doch eine im „British Medical Journal“ veröffentlichte Studie der University of Newcastle liefert nun eine ernüchternde wissenschaftliche Bewertung des Verbots. Über 85 Prozent der unter 16-Jährigen nutzen demnach die gesperrten Plattformen trotzdem weiter. Es gebe „klare Hinweise auf Umgehung – zum Beispiel die Nutzung von Fake-Konten oder Konten von Freunden oder Familienmitgliedern“, sagte die Hauptautorin der Studie, Courtney Barnes. Bei der Altersbestätigung reichte in den meisten Fällen sogar die bloße falsche Angabe aus, stellten die Forschenden fest.
Momentaufnahme mit begrenzter Aussagekraft
Allerdings handelt es sich um eine frühe und kleine Momentaufnahme. Für die Studie wurden 408 Jugendliche zwischen zwölf und 17 Jahren – obwohl das Verbot nur für unter 16-Jährige gilt – rund drei Monate nach dem Start des historischen Gesetzes befragt. Die Autorinnen und Autoren weisen selbst darauf hin, dass ihre Ergebnisse nur begrenzt aussagekräftig sind: Die Praktiken der Plattformen und ihre Kontrollmechanismen werden sich noch weiterentwickeln, und es kann Jahre dauern, bis die tatsächlichen Auswirkungen des Gesetzes erkennbar werden.
Experte sieht positive Entwicklung
Robert Gerlit, ein deutscher Digitalisierungsexperte, der die Entwicklung vor Ort in Sydney verfolgt, sieht das Verbot dennoch als nicht gescheitert an und verweist auf eine Befragung der Molly Rose Foundation. Vier Monate nach Inkrafttreten des Verbots zeigt eine Befragung unter 1050 australischen Zwölf- bis 15-Jährigen: Bei 61 Prozent jener Jugendlichen, die vorher auf den betroffenen Plattformen aktiv waren, funktioniert mindestens ein Account noch immer. Das heißt, inzwischen haben immerhin 39 Prozent keinen Zugang mehr. Gleichzeitig sagten 60 bis 64 Prozent derjenigen, die YouTube, Snapchat, Instagram oder TikTok noch nutzen, dass die Plattformen überhaupt nicht versucht haben, ihre Konten zu löschen.
Das Ergebnis der Molly-Rose-Studie, so Gerlit, sei „kein perfektes Ergebnis, aber zeigt durchaus positive Entwicklung“. Australien lerne aus Misserfolgen und verbessere seine Vorgaben, um Plattformbetreiber stärker in die Pflicht zu nehmen – wie im März 2026, als die Definition schädlicher Plattformen neu gefasst wurde.
Unbeabsichtigte Nebeneffekte
Parallel dazu machten Forschende der RMIT University in einer weiteren Studie auf einen unbeabsichtigten Nebeneffekt aufmerksam: 51 Prozent der Jugendlichen, deren Zugang eingeschränkt wurde, konsumieren seitdem weniger Nachrichten – eine Beobachtung, die die Frage stellt, wohin die Jugendlichen für Informationen ausweichen.
Internationale Auswirkungen
Australiens ungewollte Position als Testfall hat mittlerweile Auswirkungen über die Grenzen des Kontinents hinweg. Am 15. Juni gab auch Großbritannien bekannt, dass Kindern unter 16 Jahren die Nutzung von Snapchat, TikTok, YouTube, Instagram, Facebook und X per Gesetz verboten werden soll.



