Die Zahl der Toten nach den zwei schweren Erdbeben in Venezuela ist nach Angaben der Regierung in Caracas auf 589 gestiegen. Zudem seien 2980 Menschen verletzt worden, sagte die geschäftsführende Präsidentin Delcy Rodríguez. Unter widrigen und teils lebensgefährlichen Umständen suchen verzweifelte Menschen verschüttete Angehörige in meterhohen Schutthaufen.
Dramatische Lage im Bundesstaat La Guaira
Im Bundesstaat La Guaira im Norden des Landes sei die Lage besonders dramatisch, berichtete die Online-Plattform „Tal Cual“. Bilder von dort zeigen Gebäude, die komplett in Trümmern liegen. Es gebe keinen Strom, kein Wasser und es sei bereits zu Plünderungen von Geschäften gekommen, berichtete „Tal Cual“. Für die Sucharbeiten werde schweres Gerät benötigt – daran fehle es aber bislang noch. „Alles von Hand zu machen, ist ziemlich mühsam“, schilderte eine Bewohnerin der Stadt Catia La Mar nordwestlich von Caracas. „Falls noch jemand am Leben ist, hat er nicht mehr die Kraft, zu antworten.“
70.000 Familien betroffen
Allein im Bundesstaat La Guaira sollen mehr als 70.000 Familien von den Folgen der Katastrophe betroffen sein. Das teilte Innenminister Diosdado Cabello am Donnerstag (Ortszeit) bei einem Besuch in dem besonders schwer getroffenen Bundesstaat an der Karibikküste mit. Zahlreiche Gebäude sind in der Erdbebenregion eingestürzt. „Wir lassen euch nicht allein“, sagte Cabello und kündigte umfassende Rettungs- und Bergungsarbeiten sowie die Unterstützung der Bevölkerung mit Lebensmitteln und Wasser an.
Internationale Hilfsteams treffen ein
Am Donnerstagabend trafen nach Regierungsangaben erste internationale Hilfsteams in Venezuela ein, darunter 188 Rettungskräfte aus El Salvador. Auch knapp 50 Einsatzkräfte aus Deutschland fliegen heute ins Katastrophengebiet: Ein Team des Technischen Hilfswerks (THW) sollte am Morgen vom Fliegerhorst Wunstorf in Niedersachsen mit einer Bundeswehr-Maschine abheben. Im Vordergrund stünden die Bergung und Rettung verschütteter Menschen, sagte THW-Präsidentin Sabine Lackner kurz vor der Abreise des Teams in Köln. Zu der schnellen Einsatztruppe gehören vier Rettungshundeführer mit jeweils einem Hund.
Wettlauf gegen die Zeit
Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit: „In der Regel sagt man, 72 Stunden nach einem Erdbeben, das sind ganz entscheidende Stunden. Da können wir auch noch sehr viele Menschen lebend retten“, sagte Lackner. Aber auch danach gebe es immer wieder „Wunder“. Mexiko, das selbst schwere Erdbebenkatastrophen erlebt hat, schickt ein 250-köpfiges Team aus Rettungskräften und Medizinern mit vier Flugzeugen nach Venezuela, wie Präsidentin Claudia Sheinbaum mitteilte. Fünf Spürhunde und eine Drohne seien ebenfalls Teil des Einsatzes. „Sobald sie dort angekommen sind und gemeinsam mit den venezolanischen Behörden eine Lagebeurteilung vorgenommen haben, werden wir sehen, welche zusätzliche Hilfe sie benötigen“, sagte Sheinbaum. Auch weitere Länder haben Hilfe zugesagt.
Schwerste Naturkatastrophe seit 30 Jahren
Zwei schwere Beben der Stärke 7,2 und 7,5 hatten am Mittwoch den Norden und das Zentrum Venezuelas erschüttert – im Abstand von nur 39 Sekunden. Es sei die schwerste Naturkatastrophe, die Venezuela in den vergangenen 30 Jahren erlebt habe, sagte Rodríguez, Präsident der Nationalversammlung und Bruder der geschäftsführenden Präsidentin Delcy Rodríguez. 250 Gebäude seien komplett zerstört oder beschädigt worden. Acht Krankenhäuser, 20 Einkaufszentren und 68 öffentliche Infrastruktureinrichtungen seien betroffen. Schwere Schäden gab es besonders im Bundesstaat La Guaira an der Karibikküste. Die geschäftsführende Präsidentin reiste ins Katastrophengebiet. Auch in der Hauptstadt Caracas und in anderen Regionen stürzten laut Behördenangaben Gebäude ein. Viele Überlebende haben ihr Zuhause verloren.
Deutsche Botschaft beschädigt
Nach Angaben des stellvertretenden deutschen Botschafters in Venezuela, Stephan Wendt, wurde auch das deutsche Botschaftsgebäude von den Erdbeben beschädigt. „Wir können aktuell nicht vom klassischen Botschaftsgebäude aus arbeiten. Wir befinden uns aktuell in der deutschen Residenz, arbeiten von dort aus“, sagte er im ZDF-„heute journal“. „Auch einigen Kolleginnen und Kollegen ist es momentan nicht möglich zurückzukehren in ihre eigene Wohnung, es haben ja auch einige in der Residenz übernachtet auf Feldbetten.“
Internationale Unterstützung
UN-Generalsekretär António Guterres sprach Betroffenen und Hinterbliebenen sein Mitgefühl aus und sicherte der Regierung sowie der Bevölkerung Solidarität zu. „Der Generalsekretär ist tief betroffen über die Todesopfer und die weit verbreiteten Zerstörungen“, teilte Sprecher Stéphane Dujarric in New York mit. US-Präsident Donald Trump bekräftigte bei einem Abendessen mit Farmern im Rosengarten des Weißen Hauses, dass sein Land Venezuela helfen werde. Auch das US-Militär soll dabei unterstützen – dafür seien unter anderem ein amphibisches Transportschiff, ein Küstenkampfschiff und Transportflugzeuge bereitgestellt worden, teilte das zuständige US-Regionalkommando Southcom mit.
150 Millionen Dollar Hilfsgelder
Zuvor hatte das US-Außenministerium bereits angekündigt, zusätzlich zur logistischen Unterstützung 150 Millionen Dollar (rund 132 Mio. Euro) an Hilfsgeldern zu mobilisieren. 100 Millionen davon sollen direkt an das UN-Büro für humanitäre Angelegenheiten OCHA gehen. Kanada sagte laut Angaben des Außenministeriums in Ottawa 5 Millionen kanadische Dollar (gut 3 Mio. Euro) humanitäre Hilfe zu. Das US-Finanzministerium teilte zudem mit, im Zusammenhang mit Erdbebenhilfemaßnahmen in Venezuela vorübergehend Transaktionen zu erlauben, die andernfalls wegen Sanktionen verboten wären. Die Ausnahmegenehmigung gilt demnach bis zum 23. Oktober 2026 (00.01 Uhr US-Ortszeit).
Chinesische Opfer
China teilte unterdessen laut Staatsmedien mit, dass zwei chinesische Staatsbürger bei dem Erdbeben ums Leben gekommen seien. Am Vortag hatte Peking seine Bereitschaft gezeigt, seinem diplomatischen Verbündeten zu helfen. „Wir glauben, dass sich das venezolanische Volk unter der Führung der venezolanischen Regierung bald erholen und seine Heimat wieder aufbauen wird“, erklärte ein Außenamtssprecher weiter. Das erdölreiche Venezuela erlebt turbulente politische Zeiten. Im Januar hatte das US-Militär den Machthaber Nicolás Maduro gefangengenommen und in die USA gebracht. Delcy Rodríguez ist geschäftsführend im Amt.



