Vor 17 Jahren: Magaths Wolfsburg demütigt Bayern und beendet Klinsmann-Ära
Heute vor genau 17 Jahren, am 4. April 2009, schrieb der VfL Wolfsburg unter Trainer Felix Magath Fußballgeschichte. Mit einem beeindruckenden 5:1-Sieg über den FC Bayern München läutete die Mannschaft nicht nur den Anfang vom Ende des Trainer-Engagements von Jürgen Klinsmann beim Rekordmeister ein, sondern positionierte sich selbst als ernsthaften Titelkandidaten.
Eine verrückte Saison und eine ungewöhnliche Konstellation
Die Situation im Frühjahr 2009 mutet aus heutiger Perspektive fast surreal an: Der VfL Wolfsburg empfing den FC Bayern München als klarer Favorit. Beide Teams lagen punktgleich auf den Verfolgerplätzen hinter Tabellenführer Hertha BSC, doch die Formkurven zeigten in entgegengesetzte Richtungen.
Magaths Wolfsburg war die Mannschaft der Rückrunde 2008/09 und präsentierte sich mit einer Serie von sieben Siegen in beeindruckender Verfassung. Im Gegensatz dazu hatten Klinsmanns Bayern das gesamte Jahr über nicht überzeugt. Die Zweifel am Können des Sommermärchen-Architekten, der seinen ersten Cheftrainerjob gleich beim deutschen Rekordmeister angetreten hatte, wurden immer lauter.
Das Spiel als Zäsur
Das Spitzenspiel begann zunächst gemächlich, doch nach dem zwischenzeitlichen Ausgleich durch Luca Toni entfaltete sich in der zweiten Halbzeit ein wahres Desaster für die Bayern. In einer fatalen 14-minütigen Phase nahmen Wolfsburgs Stürmer Edin Dzeko (63., 66.) und Grafite (74., 77.) die Bayern-Abwehr schier auseinander.
Symbolisch für die Wachablösung, die an diesem Tag im deutschen Fußball stattfand, war das legendäre 5:1 durch Grafite. Der brasilianische Stürmer, dessen Name übersetzt „die Bleistiftmine“ bedeutet, vollführte einen spektakulären Hackentrick, der noch Jahre später als Maßstab für außergewöhnliche Tore gelten sollte.
Ein Tor für die Ewigkeit
„Die nächsten Ausgaben von Tor der Woche, Tor des Monats und Tor des Jahres werden langweilig. Der Gewinner wird stets Grafite heißen“, schrieb die Münchner Abendzeitung nach dem Spiel – und behielt recht. Der Treffer wurde nicht nur zum Tor des Jahres 2009 gewählt, sondern brachte seinem Schützen auch die Auszeichnungen als Torschützenkönig und Fußballer des Jahres ein.
Grafite selbst sagte Jahre später: „Überall, wo ich hinkomme, werde ich auf dieses Tor angesprochen. Ich glaube, ich habe das Tor im Fernsehen und im Internet schon eine Million Mal gesehen.“
Magaths genüssliche Demütigung
Felix Magath, der knapp zweieinhalb Jahre zuvor beim FC Bayern entlassen worden war, genoss den Sieg sichtlich. In der 89. Minute wechselte er sogar Ersatztorwart André Lenz ein – eine Geste, die von vielen als späte Rache für seine eigene Entlassung interpretiert wurde.
Bayern-Kapitän Mark van Bommel reagierte empört: „Ich finde das respektlos, weil Magath auch mal hier gearbeitet hat. In meinen Augen ist das eine Demütigung, schlimmer geht es fast nicht.“ Magath selbst begründete die Aktion damit, dass er Lenz' Trainingsfleiß belohnen und ihm zu einer Siegprämie verhelfen wollte.
Das Ende einer Ära
Für den FC Bayern markierte die Niederlage den Anfang vom Ende der Klinsmann-Ära. „Ich habe zehn Monate den Kopf hingehalten, jetzt sind die Spieler dran“, kommentierte der Trainer nach dem Spiel. Nur vier Wochen später, nach weiteren enttäuschenden Ergebnissen, war Klinsmanns Amtszeit beim Rekordmeister beendet.
Auch für Torwart Michael Rensing hatte das Spiel fatale Folgen. Nach langen Diskussionen um seine Qualitäten als Nachfolger des zurückgetretenen Oliver Kahn wurde er durch Routinier Hans-Jörg Butt ersetzt und verließ den Verein schließlich ein Jahr später.
Ein historischer Meistertitel
Der VfL Wolfsburg nutzte den Sieg gegen Bayern als Sprungbrett zum bis dahin größten Erfolg der Vereinsgeschichte. Im Mai 2009 krönte sich die Mannschaft unter Felix Magath tatsächlich zum Deutschen Meister – ein Triumph, der ohne den wegweisenden Sieg gegen den FC Bayern kaum denkbar gewesen wäre.
Das Spiel vom 4. April 2009 bleibt damit nicht nur als spektakuläre Fußballpartie in Erinnerung, sondern auch als historische Zäsur, die die Kräfteverhältnisse im deutschen Fußball nachhaltig veränderte.



