Kritische Lage für gestrandeten Buckelwal in der Ostsee
Die Situation des seit Wochen in der Ostsee vor der Insel Poel gestrandeten Buckelwals hat sich durch den sinkenden Wasserpegel weiter verschlechtert. Nach Einschätzung des renommierten Meeresforschers und Walforschers Fabian Ritter drückt das Eigengewicht des Meeressäugers zunehmend auf seine inneren Organe. "Jeder Zentimeter weniger Wasser bringt ihn in eine Situation, wo er mehr unter seinem eigenen Gewicht leidet", erklärte Ritter gegenüber der Deutschen Presse-Agentur. Der Wal rage deutlich weiter aus dem Wasser heraus, was seine physische Belastung erheblich steigere.
Private Rettungsinitiative setzt auf technische Hilfsmittel
Ein mehrköpfiges Team einer privaten Rettungsinitiative arbeitet unter Hochdruck daran, das Tier aus seiner misslichen Lage zu befreien. Mit Hilfe von Saug- und Spülgeräten versuchen die Helfer, eine Kuhle unter dem Wal zu schaffen, um ihn später in tiefere Gewässer zu leiten. Live-Streams zeigten am Vormittag, wie Einsatzkräfte hüfthoch im Wasser stehend direkt am Wal arbeiteten. Dabei kam auch eine schwimmende Arbeitsplattform mit einem Bagger zum Einsatz, von der ein dicker Schlauch ins Wasser führte, um Schlick und Sediment wegzuspülen.
Aus Kreisen der Initiative hieß es, durch diese Maßnahmen sei bereits eine Vertiefung entstanden. Das langfristige Ziel sei es, das Tier "raus aus dem Nadelöhr" der flachen Kirchsee in die tiefere Wismarbucht und schließlich Richtung offene See zu lotsen. Parallel dazu wurde dem etwa zwölf Meter langen Wal Nahrung in Form von Heringen und Shrimps angeboten, um seine Kräfte zu stärken.
Experten äußern sich skeptisch zu Rettungschancen
Die Bemühungen der privaten Initiative stehen im Widerspruch zu Einschätzungen zahlreicher Wissenschaftler. Ein Gutachten des Deutschen Meeresmuseums und der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover kam bereits Anfang April zu dem Schluss, dass eine Rettung des Wals unmöglich sei. Fabian Ritter, der seit zwei Jahrzehnten im Wissenschaftsausschuss der Internationalen Walfangkommission tätig ist, riet eindringlich davon ab, das Tier weiter zu stören. "Ich empfehle, diesen Wal jetzt einfach strikt in Ruhe zu lassen", betonte der Experte.
Ritter wies darauf hin, dass der Wal nach einem vorübergehenden Freischwimmen am Montag auf unnatürliche Art geschwommen sei, was auf erhebliche gesundheitliche Probleme hindeute. Der sinkende Meeresspiegel verschärfe die Situation zusätzlich, da das Tier auf Grund liege und nicht weg könne. Die Frage, wie bedrohlich die Position für den Wal sei, hänge von mehreren Faktoren ab, darunter die Beschaffenheit des Untergrunds, die Strömungsverhältnisse und mögliche innere Verletzungen.
Interne Spannungen und personelle Ausfälle belasten Rettungsversuch
Die Rettungsaktion wird von internen Differenzen und personellen Ausfällen überschattet. Christiane Freifrau von Gregory trat als Pressesprecherin der Initiative zurück, um die Integrität der bisherigen Arbeit zu wahren. Zudem musste die leitende Tierärztin Janine Bahr-van Gemmert per Hubschrauber in ein Krankenhaus gebracht werden, und eine weitere Tierärztin ist ausgefallen. Auch die aus Hawaii eingeflogene Expertin Jenna Wallace verließ das Team aufgrund von Unstimmigkeiten.
Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus (SPD) zeigte sich besorgt über diese Entwicklungen. "Ich habe natürlich auch mit großer Sorge zur Kenntnis genommen, dass die aus Hawaii eingeflogene Tierärztin abgereist ist", erklärte der Minister. Trotz der Rückschläge betonte Walter Gunz, Mitgründer von MediaMarkt und Mitfinanzierer der Aktion, dass die Initiative nicht aufgegeben werde, auch wenn alle Beteiligten "am Ende" seien.
Wetterbedingungen und Gezeiten bestimmen den Zeitplan
Der Wasserstand in der Wismarer Bucht unterliegt starken Schwankungen, die den Rettungsversuch erheblich beeinflussen. Nachdem der Pegel am Dienstagmorgen zunächst rund 50 Zentimeter niedriger lag als am Vortag, stieg er bis zehn Uhr auf sein Maximum von etwa zehn Zentimetern über dem Normalstand. Bis zum Abend wird ein weiteres Absinken um etwa 30 Zentimeter erwartet.
Diese Veränderungen sind für den Wal von existenzieller Bedeutung, da er eine Wassertiefe von mindestens zwei Metern benötigt, um nicht zu stranden. Die private Initiative arbeitet gegen die Zeit, um das Tier zu befreien, bevor die Gezeiten die Situation weiter verschlechtern. Gleichzeitig haben die Behörden eine Sperrzone von 500 Metern Radius um den Wal eingerichtet, um Störungen durch unbefugte Boote oder Drohnen zu verhindern.
Die anhaltende Strandung des Buckelwals vor Poel hat eine breite öffentliche Debatte über den Umgang mit gestrandeten Meeressäugern und die globalen Bedrohungen für Wale durch Fischereinetze ausgelöst. Unabhängig vom Ausgang der Rettungsaktion bleibt die Notlage des Tieres ein eindringliches Symbol für die Gefahren, denen marine Lebewesen in menschlich geprägten Gewässern ausgesetzt sind.



