Immer mehr Schulbegleiter in Sachsen-Anhalt – Eltern brauchen Geduld
Immer mehr Kinder und Jugendliche in Sachsen-Anhalt sind auf einen Schulbegleiter angewiesen, um am Unterricht teilnehmen zu können. Für die Eltern beginnt jedoch ein langer und beschwerlicher Weg, bis die Hilfe tatsächlich ankommt. Die Behörden verzeichnen steigende Antragszahlen, und die Wartezeiten werden immer länger.
Laut dem Sozialministerium lag die Zahl der Kinder, die Ende 2020 einen Schulbegleiter erhielten, bei rund 800. Im Oktober 2025 waren es bereits gut 1.140 – ein Anstieg von über 40 Prozent innerhalb von knapp fünf Jahren. Diese Entwicklung betrifft nicht nur Regelschulen, sondern auch Förderschulen.
Anträge in Halle verdoppelt
In der Stadt Halle hat sich die Zahl der Anträge auf Schulbegleitung von 50 im Jahr 2023 auf 106 im Jahr 2025 verdoppelt. Genehmigt wurden 41 Fälle (2023) und 67 Fälle (2025). Die Stadt Halle führt den Anstieg auf veränderte Lebensrealitäten junger Menschen mit sozialen, gesundheitlichen und psychosozialen Belastungen zurück. Zudem sei das Schulsystem zunehmend überfordert. „Schulen sind nicht nur Orte der Bildung, sondern auch des sozialen Lernens. Damit scheint das System aber immer mehr überfordert“, heißt es aus der Stadtverwaltung. Auch fehlende alternative Hilfsangebote führten vermehrt zur Bewilligung von Schulbegleitungen.
Auch in anderen Landkreisen wie dem Altmarkkreis Salzwedel, dem Burgenlandkreis und dem Landkreis Wittenberg steigen die Fallzahlen. In Magdeburg gibt es seit 2017 eine steigende Anzahl von Anträgen auf Leistungen zur Teilhabe an Bildung. Als Gründe werden unzureichende Ressourcen an den Schulen und fehlende sonderpädagogische Förderung genannt. Etwa die Hälfte der Schulbegleitungen in Magdeburg entfällt auf Förderschulen. Im Schnitt läuft eine Schulbegleitung fünf bis sieben Jahre.
So arbeiten Schulbegleiter
Einer der Träger von Schulbegleitdiensten ist die Johanniter-Unfall-Hilfe e.V. Martina Habelitz ist seit zehn Jahren für den Schulbegleitdienst im Regionalverband Magdeburg/Börde/Harz verantwortlich. Die Johanniter betreuen derzeit 90 Fälle in der Region. Die Kinder kommen aus allen Gesellschaftsschichten und Schulformen. Zu den Klienten gehören Kinder mit Autismus-Spektrum-Störungen, Diabetes, im Rollstuhl oder mit Kinderdemenz.
„Die Aufgabe eines Schulbegleiters ist, sich unsichtbar zu machen, sich überflüssig zu machen“, erklärt Habelitz. Die Wege seien unterschiedlich: Autisten bräuchten klare Strukturen, während bei bindungsgestörten Kindern zunächst das Da-Sein im Vordergrund stehe. Die Schulbegleiter müssten auch schwierige Verhaltensweisen aushalten und signalisieren, dass sie trotzdem da sind.
Lange Wartezeiten für Diagnose und Bewilligung
Ohne Diagnose gibt es keinen Schulbegleiter. Die Kosten von bis zu 6.000 bis 7.000 Euro pro Monat für eine studierte Fachkraft können sich die wenigsten Familien leisten. „Es dauert lange, bis die Hilfen ankommen“, sagt Habelitz. Sie berichtet von überlasteten Ämtern und langen Wartezeiten auf Bescheide. Bis zum ersten Termin im Diagnoseverfahren könne es Monate dauern, und bis das Gutachten vorliegt, vergehen oft eineinhalb Jahre. Ähnlich lang kann es dauern, bis tatsächlich ein Schulbegleiter zur Verfügung steht. Eltern seien oft am Ende ihrer Kräfte.
Die Jugend- und Sozialämter bestätigen die langen Bearbeitungszeiten. Aus Halle heißt es: Liegen keine medizinischen Unterlagen vor, die gesetzlich gefordert sind, kann die Bearbeitung aufgrund fehlender therapeutischer und medizinischer Kapazitäten ein Jahr und mehr dauern. Sind alle Unterlagen vollständig, beträgt die Bearbeitungszeit in der Regel etwa sechs Monate. „Der Beginn der Leistung kann sich danach noch weiter verzögern, wenn Träger der freien Jugendhilfe keine entsprechenden Kapazitäten haben“, so die Stadt.
Der Burgenlandkreis nennt eine durchschnittliche Bearbeitungszeit von drei bis sechs Monaten, der Altmarkkreis etwa fünf Monate. In Halle dauert die Bearbeitung bei vollständigen Unterlagen rund sechs Monate, im Landkreis Wittenberg etwa drei Monate. In Einzelfällen kann das Verfahren auch länger als ein Jahr dauern.
Expertin plädiert für Pool-Lösungen und längeres gemeinsames Lernen
Martina Habelitz sieht die Schulen mit immer größeren Klassen und heterogenen Voraussetzungen. Migration spiele eine größere Rolle, manche Kinder sprächen bei Schuleintritt kein Deutsch. Sie würde sich längeres gemeinsames Lernen wünschen, beginnend mit verpflichtenden Kitajahren und einer Vorschule, um mehr soziale Interaktion, Toleranz, Respekt und Mitgefühl zu fördern.
Zudem setzt sie sich für sogenannte Pool-Lösungen ein: „Es wäre schön, wenn sich unser Bundesland auf den Weg machen würde zum Poolen.“ Dabei würden befristete Verträge für Schulbegleiter durch feste Verträge ersetzt, und die Schulbegleiter arbeiten in multiprofessionellen Teams mit Lehrkräften. Sie könnten so gleich mehreren Kindern in einer Klasse helfen.



