Interview: Krebs! Klitschko-Brüder verloren ihren Papa an Tschernobyl
Box-Weltmeister Wladimir Klitschko erzählt bei BILD, wie die Katastrophe seine Familie prägte. Die Klitschko-Brüder zu Besuch bei ihrem Vater Wladimir in Kiew im Oktober 1998. Links der jüngere Sohn, Wladimir, rechts Vitali, der spätere Bürgermeister von Kiew.
In BILD spricht Wladimir Klitschko über den Krebstod seines Vaters. Als Offizier der Sowjetarmee war dieser 1986 einer der sogenannten Liquidatoren, die nach der Nuklearkatastrophe direkt am Reaktor Aufräumarbeiten durchführen mussten. Er starb an den Spätfolgen.
BILD: Wie erinnerst Du Dich an die Tschernobyl-Katastrophe vor 40 Jahren?
Wladimir Klitschko: Ich war damals zehn Jahre alt. Wir wohnten in Kiew direkt neben einer Militärbasis, ganz in der Nähe der Start- und Landebahnen. Eines Tages kam mein Vater nach Hause, versammelte die ganze Familie und sagte mit ungewöhnlich ernstem Ton, dass etwas sehr Schlimmes passiert sei. Er erklärte nicht viel, aber er ließ uns verstehen, dass es um etwas Nukleares ging, um hochgefährliche Stoffe. Er sagte uns, wir sollten nicht mehr draußen spielen und die Schuhe nicht mit ins Haus bringen. Gleichzeitig merkten wir sofort, dass etwas nicht stimmte: Es gab plötzlich viel mehr Flugverkehr, mehr Hubschrauber, mehr Unruhe. Aber gesprochen wurde darüber kaum. Mein Vater machte klar, dass wir schweigen sollten. Dieses Schweigen, diese typisch sowjetische Kultur des Geheimnisses, ist mir bis heute im Gedächtnis geblieben.
Euer Vater war damals im Einsatz. Was habt ihr davon mitbekommen?
Wladimir Klitschko: Vor allem, dass er plötzlich immer wieder weg war. Von Kiew aus konnte man Tschernobyl mit dem Hubschrauber in etwa 45 Minuten erreichen. Für uns als Kinder war vor allem spürbar, dass er manchmal tagelang, manchmal sogar wochenlang nicht nach Hause kam. Auf der Basis sahen wir Menschen mit Masken und Schutzanzügen, und alles wirkte angespannt und beunruhigend. Ich verstand damals nicht die ganze Dimension, aber ich spürte, dass mein Vater an einer äußerst gefährlichen Operation beteiligt war.
Wann war Deinem Vater klar, dass er dort Strahlung abbekommen haben könnte?
Wladimir Klitschko: Das wurde vermutlich schon im ersten Jahr deutlich, als die ersten seiner Kameraden starben. Etwa 80 Prozent der Soldaten, die an dieser Operation beteiligt waren, starben nach einem, zwei oder drei Jahren. Die übrigen 20 Prozent starben später, und mein Vater gehörte wahrscheinlich zu dieser zweiten Gruppe. Bei ihm wurde 2007 Krebs diagnostiziert, 2011 ist er an den Spätfolgen gestorben.
Er starb 2011 an den Spätfolgen. Wie oft denkst Du darüber nach, dass er ohne Tschernobyl noch am Leben sein könnte?
Wladimir Klitschko: Daran denke ich oft. Mein Vater war bis zu seinem 60. Lebensjahr praktisch nie beim Arzt. Deshalb bin ich überzeugt, dass er ohne Tschernobyl heute noch leben könnte. Gleichzeitig ist da nicht nur Trauer, sondern auch großer Stolz. Für mich war mein Vater ein Held. Er hat sich mit seinen Kameraden geopfert – nicht nur für sein Land, sondern letztlich auch für viele andere Menschen in Europa.
Die Medien haben vieles verschwiegen. Macht Dich das bis heute wütend?
Wladimir Klitschko: Ja, das macht mich bis heute wütend. Aber es überrascht mich nicht, weil es typisch sowjetisch war. Das war keine Information, das war Propaganda. Es wurde nicht erklärt, sondern verschwiegen, verzerrt und vertuscht. Und genau dieses Schweigen hat das Leid vieler Menschen noch vergrößert.
Beim russischen Angriffskrieg 2022 wurde Tschernobyl zeitweise eingenommen. Welche Erinnerungen hast Du daran?
Wladimir Klitschko: Als 2022 der russische Angriff begann, war die Frage, die mich am meisten beschäftigte: Aus welcher Richtung würden die Truppen kommen, um Kiew anzugreifen? Aus dem Osten oder aus dem Norden? Dass sie tatsächlich auch über den Norden und damit über Tschernobyl vorrückten, hat mich tief erschüttert. Ich war selbst 2011 dort und weiß, wie gefährlich diese Zone bis heute ist. Gerade deshalb erschien es mir völlig wahnsinnig, Soldaten durch ein noch immer belastetes Gebiet zu schicken.
Was würdest Du jungen Menschen heute über Tschernobyl sagen?
Wladimir Klitschko: Ich würde jungen Menschen sagen, dass Tschernobyl eine Warnung ist, aber kein Grund, Kernenergie nur mit Angst zu betrachten. Man muss auch an Fukushima denken, denn beide Katastrophen zeigen, wie gefährlich diese Energie sein kann, wenn die Sicherheit versagt. Für mich ist das wie mit einem Messer: Es kann ein nützliches Werkzeug sein, aber auch eine Waffe. Mit der Kernenergie ist es ähnlich. Sie ist gefährlich, wenn man leichtsinnig mit ihr umgeht, aber sie ist zugleich neben erneuerbaren eine der wichtigsten Energien der Zukunft. Gerade wenn wir den Planeten schützen und klimafreundliche Energie sichern wollen, werden wir sie brauchen. Entscheidend ist deshalb nicht, sie zu verteufeln, sondern sie mit maximaler Sicherheit, Kontrolle und Verantwortung zu nutzen.
Wenn Dein Vater heute noch leben würde – was glaubst Du, würde er zur aktuellen Situation sagen?
Wladimir Klitschko: Manchmal denke ich, vielleicht ist es besser, dass er diesen Krieg nicht mehr erleben muss, weil er ihn zutiefst zerrissen hätte. Aber ich bin sicher, dass er klar Stellung beziehen würde. Er war ein stolzer Ukrainer, ein Patriot und für mich ein Held. Wenn er heute noch leben würde, würde er wahrscheinlich sagen, dass man sein Land verteidigen, Haltung bewahren und sich nicht brechen lassen darf.



