Fall Ulmen-Fernandes: Warum Opfer häuslicher Gewalt oft lange schweigen müssen
Ulmen-Fernandes: Warum Opfer oft lange schweigen

Fall Ulmen-Fernandes: Warum Betroffene häuslicher Gewalt oft jahrelang schweigen

Die schweren Vorwürfe von Collien Fernandes gegen ihren Ex-Mann Christian Ulmen haben eine wichtige gesellschaftliche Debatte ausgelöst. Die Schauspielerin und Moderatorin beschuldigt Ulmen der sogenannten "virtuellen Vergewaltigung" sowie jahrelanger körperlicher und psychischer Gewalt während ihrer Beziehung.

Die schwerwiegenden Anschuldigungen im Detail

Laut Fernandes soll Ulmen über Jahre hinweg Fake-Profile in ihrem Namen erstellt haben, sich online als sie ausgegeben, Männer kontaktiert, sexuelle Chats geführt und pornografisches Material verschickt haben, das angeblich sie zeigen sollte. Besonders perfide: Teilweise sollen diese Kontakte mit Männern aus dem persönlichen Umfeld des Paares stattgefunden haben. Zusätzlich wirft sie ihm wiederholte körperliche Gewalt, jahrelange Erniedrigungen und ausgeprägten Kontrollzwang vor.

Doch kaum werden solche schweren Vorwürfe öffentlich, stellen sich viele Menschen zwei Fragen: Warum geht sie erst jetzt an die Öffentlichkeit? Und warum ist sie so lange in dieser Beziehung geblieben? Diese Fragen mögen logisch erscheinen, doch sie drehen die Perspektive weg vom mutmaßlichen Täter hin zur betroffenen Frau. Genau hier beginnt ein grundlegendes Missverständnis über die Dynamik häuslicher Gewalt.

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Die schleichende Eskalation von Gewalt in Beziehungen

Partnerschaftsgewalt beginnt selten mit einem offenen Schlag. "Am Anfang ist es oft unglaublich schön", erklärt Psychotherapeutin Kristina Lühr. "Es gibt viel Nähe, Tempo, gemeinsame Pläne. Man fühlt sich gesehen, verstanden und besonders wichtig. Doch gerade dieser frühe positive Beziehungsaufbau arbeitet später gegen die Betroffenen."

Nua Ursprung von der Berliner Initiative gegen häusliche Gewalt (BIG) verdeutlicht: "Wenn Frauen in der ersten Woche geschlagen würden, würden die meisten sofort gehen. Die Realität sieht anders aus: Es beginnt mit psychischer Gewalt. Durch den graduellen Aufbau gewöhnt man sich daran. Was anfangs wie ein Einzelfall wirkt, wird schnell zur Normalität."

Es entsteht eine gefährliche Spirale: Übergriff, Entschuldigung, Versöhnung, neuer Übergriff. "Viele Betroffene versuchen, die nächste Eskalation durch Anpassung oder Schweigen zu verhindern", sagt Lühr. "Aber das funktioniert nicht, weil die Entscheidung zur Gewalt immer bei der Person liegt, die die Gewalt ausübt. Diese Entscheidung liegt ausschließlich beim Täter."

Kinder und Sorgerecht als zusätzliche Hürden

Ein entscheidender Punkt sind gemeinsame Kinder. Auch Collien Fernandes beschrieb, dass der Gedanke an ihre Tochter ein wesentlicher Faktor war, warum sie die Beziehung weitergeführt hat. Doch dahinter steckt mehr als nur emotionale Bindung.

Denn selbst wenn eine Frau die Kraft findet, sich zu befreien, kann sie bei gemeinsamem Sorgerecht nicht einfach die Kinder mitnehmen. Rechtlich wäre dies Kindesentziehung und würde sie strafbar machen. Selbst eine Anzeige oder ein Urteil im Strafrecht ändert nichts an der familienrechtlichen Situation. Familienrecht und Strafrecht werden getrennt verhandelt und bedingen sich nicht gegenseitig. Das bedeutet: Selbst ein verurteilter Gewalttäter darf seine Kinder weiterhin sehen, und die Mutter muss sie ihm übergeben.

Diese problematische Gesetzeslage will Bundesjustizministerin Stefanie Hubig (SPD) ändern. Sie kündigte bereits im November 2025 im BILD-Talk "Das gesprochene Wort" an: Körperliche wie auch psychische Gewalt gegen das andere Elternteil muss "beim Sorge- und beim Umgangsrecht berücksichtigt werden. Bis zum kompletten Ausschluss des Sorge- und Umgangsrechts."

Die Sorgerechtsproblematik verdeutlicht besonders, dass die Entscheidung, zu gehen oder zu bleiben, äußerst facettenreich und kompliziert ist. Es handelt sich um eine schwierige Abwägung zwischen Angst, Verantwortung und rechtlicher Unsicherheit.

Ein System, das Schweigen begünstigt

Hinzu kommt eine erschreckende Statistik: Über 90 Prozent der Verfahren wegen häuslicher Gewalt enden ohne Konsequenzen für die Täter. Eine Anzeige wird erstattet – und danach passiert oft nichts. Kein ausreichender Schutz für die Betroffenen. Keine angemessene Strafe für die Täter. Aber ein erhebliches Risiko für die Frauen.

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Iris Brand, selbst Überlebende häuslicher Gewalt und Gründerin von "Die Nächste", formuliert es deutlich: "Nicht fehlender Mut hält Frauen von einer Anzeige ab, sondern die berechtigte Angst vor Rache und Eskalation. Ein System, das Frauen nicht ausreichend schützt, produziert automatisch Schweigen."

Die Scham muss die Seite wechseln

Im Fall Ulmen-Fernandes zeigt sich deshalb mehr als nur ein prominenter Beziehungskonflikt. Es zeigt sich ein gesellschaftliches Muster: Die schnelle Frage nach dem Verhalten der Frau, das Zögern, klar über die Verantwortung des Mannes zu sprechen. Doch Gewalt ist keine Reaktion auf irgendetwas – sie ist eine bewusste Entscheidung.

"Kein Persönlichkeitsmuster macht ein Opfer aus mir – die Entscheidung zur Gewalt trifft ausschließlich der Täter", betont Psychotherapeutin Lühr. Wenn Collien Fernandes diesen Schritt der öffentlichen Anklage geht, dann in einem gesellschaftlichen Umfeld, in dem Schweigen oft sicherer erscheint als Reden. Genau deshalb ist dieser Schritt so bedeutsam. Und genau deshalb gehört die Scham dorthin, wo die Gewalt ihren Ursprung hat: beim Täter, nicht beim Opfer.

Der Fall macht deutlich, dass wir als Gesellschaft noch viel lernen müssen über die komplexen Mechanismen häuslicher Gewalt. Es geht nicht um individuelle Schuldfragen, sondern um strukturelle Veränderungen im Rechtssystem, im gesellschaftlichen Bewusstsein und im Umgang mit Betroffenen.