Seit Jahren warnen jüdische Gemeinden in Deutschland vor wachsendem Antisemitismus. Nun belegt eine aktuelle Umfrage des Zentralrats der Juden das Ausmaß: Fast jede zweite Gemeinde wurde in den vergangenen zwölf Monaten Opfer von Beleidigungen, Hetze, Drohungen oder Zerstörungen. Konkret berichteten 46 von 102 befragten Gemeinden von entsprechenden Vorfällen. Die Hälfte davon waren Sachbeschädigungen oder Schmierereien an Gebäuden.
Dritte Umfrage seit dem 7. Oktober 2023
Es handelte sich bereits um die dritte Erhebung dieser Art seit dem Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023. Die Umfrage zeigt, dass 68 Prozent der Gemeinden das Leben seither als unsicherer wahrnehmen. Im Jahr 2024 lag dieser Wert allerdings noch bei 84 Prozent, was auf eine leichte Entspannung hindeuten könnte, jedoch bleibt die Lage angespannt.
Waffenstillstand und Irankrieg beeinflussen Lage
Der Waffenstillstand zwischen Israel und der Hamas im Oktober 2025 hat die Situation aus Sicht von 61 Prozent der Gemeinden nicht verändert. 18 Prozent berichteten von einer Verbesserung, 13 Prozent von einer Verschlechterung. Der seit Februar andauernde Krieg Israels und der USA gegen Iran lässt nach Einschätzung von 62 Prozent der Gemeinden eine weitere Verschlechterung ihrer Lage befürchten.
Zentralratspräsident Schuster kritisiert Zustände
Der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, äußerte sich besorgt: Seit dem 7. Oktober 2023 habe sich für Juden in Deutschland eine „neue Normalität“ einer gravierenden Sicherheitslage entwickelt. „Es ist eine Lage, in der Jüdische Gemeinden permanent geschützt werden müssen und der Antisemitismus als Teil des öffentlichen Raums eine Normalisierung erfahren hat“, so Schuster. Besonders kritisiert er, dass selbst Graffitis, die in Berlin offen zum Mord an Juden aufrufen, keinen Sturm der Entrüstung auslösen. „Diese Zustände sind unhaltbar“, betonte er.
Der wachsende Antisemitismus in Deutschland sorgt bereits seit Jahren für Diskussionen. Der jüdische Historiker Rafael Seligmann schrieb im SPIEGEL: „Das Judentum in der Diaspora erlebt seine wohl größte Katastrophe seit 1945.“



