Berlin – Im hellblauen Trainingsoutfit stand Fabian Reese wie ein Musterschüler beim ungewohnten Rapport auf der Bühne im City Cube. Bei seiner kurzen Ansprache an die Mitglieder von Hertha BSC fand der Kapitän des Berliner Fußball-Zweitligisten fast schon entschuldigende Worte.
„Ich möchte mich im Namen der Mannschaft für die Unterstützung in dieser Saison bei euch allen bedanken. Ich glaube, ihr und wir haben uns das anders vorgestellt diese Saison. Das ist einfach nun mal Fakt“, sagte Reese, bevor sich das Team zum Sonntags-Training begab.
Mitglieder spenden verhaltenen Applaus
Die gut 900 Mitglieder spendeten bei ihrer Jahresversammlung freundlichen, aber verhaltenen Applaus für Reese und seine Kollegen. Für Euphorie gibt es bei der Hertha bekanntlich wieder einmal keinen Anlass. Hertha BSC hat auch im Frühjahr 2026 von allem zu wenig. Zu wenig Geld, zu wenig Glück, zu wenig Erfolg.
Präsident Drescher zieht hartes Fazit
Schon vor der Wahl des Aufsichtsrats hatte Vereinspräsident Fabian Drescher in seiner Ansprache die Gemütslage beim Hauptstadtclub zusammengefasst. „Sie war aus unserer Sicht unbefriedigend“, sagte der 43-Jährige über die noch laufende Spielzeit. Man sei den eigenen Ambitionen „hinterhergelaufen“. Gerade die Ergebnisse bei den Heimspielen hätten „einiges zu wünschen übriggelassen“, sagte Drescher am Tag nach dem 0:1 gegen Holstein Kiel.
Die Berliner hatten die Rückkehr in die Bundesliga als Saisonziel ausgegeben. Bei noch drei ausstehenden Spielen ist der Aufstieg praktisch nicht mehr möglich. Nicht einmal in dieser Saison auf einem der ersten drei Plätze gestanden zu haben, sei nicht der Anspruch der Hertha, meinte Drescher.
„Diese Realität müssen wir klar benennen, ohne Beschönigung, ohne Ausflüchte“, sagte der Jurist und nahm die sportliche Leitung in die Pflicht. An Trainer Stefan Leitl und Sportdirektor Benjamin Weber sei es nun, „die richtigen Schlüsse zu ziehen, die richtigen Entscheidungen zu treffen.“
Zukunftsplan soll Ziele definieren
Leitl und Weber hatten von Geschäftsführer Peter Görlich schon eine Job-Zusage für die kommende Saison erhalten. Görlich und sein Kompagnon als Geschäftsführer, Ralf Huschen, wiederum bekamen von Drescher das Vertrauen ausgesprochen. Mit einem Zukunftsplan wolle man bei der bekanntermaßen engen Finanzlage ein realistisches Zukunftsszenario entwerfen.
Soll heißen: Ob auch für die kommende Spielzeit wieder optimistisch die Bundesliga-Rückkehr das Saisonziel ist, kann erst im Sommer definiert werden, wenn klar ist, wie schlagkräftig das Team sein wird. Um Geld einzunehmen, werden Leistungsträger zum Verkauf stehen. Über die Berliner Zukunft von Teenager Kennet Eichhorn oder Torwart Tjark Ernst wird längst debattiert.
Reese will nicht über den Sommer reden
Ob Unterschiedsspieler Reese dann noch vorangeht, ist gar nicht mehr so klar. „Ich bin tierisch enttäuscht von dem heutigen Spiel. Und was im Sommer passiert, müssen wir schauen“, hatte der Offensivstar nach der nächsten Enttäuschung gegen Kiel einen Tag zuvor gesagt.
Die Niederlage war Kulminationspunkt für alle Saison-Malaisen. Spielerisch überlegen, aber fahrlässig in der Chancenverwertung und ein bisschen Pech, auch bei zwei Entscheidungen des Video-Referees, aber eben insgesamt nicht cool und gierig genug.
„Dann hat man es nicht verdient, weiter in der Tabelle oben zu stehen. Ich will gar nicht irgendwie über ganz oben reden, aber auch keinen Platz höher, als wir es gerade sind. Wir haben zu wenig Spieler, die verlässlich viele Tore schießen, und dann kann man nicht sehr gut bestehen in der 2. Liga“, kritisierte Reese.



