Ein schweres Erdbeben der Stärken 7,2 und 7,5 hat Venezuela am Mittwochabend erschüttert. Nach offiziellen Angaben der Regierung starben 164 Menschen, fast 1000 wurden verletzt. Die US-Erdbebenwarte USGS geht jedoch von einer weit höheren Opferzahl aus: Einer Modellrechnung zufolge liegt die Zahl der Toten mit 42-prozentiger Wahrscheinlichkeit zwischen 10.000 und 100.000. Die Küstenregion La Guaira nördlich von Caracas wurde zum Katastrophengebiet erklärt.
Haus des Vaters in La Guaira eingestürzt
Gabriela Mesones Rojo, deren Vater in La Guaira lebt, erzählt dem Tagesspiegel per Sprachnachricht von den dramatischen Ereignissen. „In weniger als zwei Minuten hat sich das Leben der Menschen dort schlagartig verändert“, sagt sie. Ihr Vater blieb unverletzt, da er zum Zeitpunkt des Bebens Familie in Caracas besuchte. Doch sein fünfstöckiges Haus stürzte ein. Die Nachricht erhielten sie über eine WhatsApp-Gruppe mit anderen Bewohnern. Ein Foto zeigt ein verschlossenes Eingangstor, hinter dem nur noch Trümmer zu sehen sind.
Chaotische Rettungsarbeiten und fehlende Infrastruktur
„In der Gruppe schreiben sie auch, dass sie immer wieder die Namen ihrer Nachbarn gerufen haben. Es kam keine Antwort“, berichtet Mesones Rojo. „Wir befürchten, sie sind tot.“ Verifizierte Informationen seien kaum zu bekommen, da das Internet in der Nacht schlecht funktioniere, besonders in La Guaira. „Der Ort hat nicht die Infrastruktur, die Caracas hat. Es dauert, bis dort Hilfe ankommt. Die Einwohner kämpften sich mit Händen durch die Trümmer, um Angehörige zu retten. Etliche werden vermisst.“
Zwei schwere Beben und zahlreiche Nachbeben
Das erste Beben ereignete sich um 18:04 Uhr Ortszeit mit einer Stärke von 7,2, das zweite nur 39 Sekunden später mit 7,5. Seitdem gab es mehr als 30 Nachbeben. Es ist der schlimmste Erdstoß in Venezuela seit mehr als 100 Jahren. Die Regierung hat bisher nur vorläufige Zahlen genannt. Bürgermeister, Rettungskräfte und Journalisten vor Ort informieren die Bevölkerung schrittweise.
Internet und Medien eingeschränkt
Venezuela zählt zu den Ländern mit dem langsamsten mobilen Internet. Nach den Beben hatten viele Handys keinen Empfang mehr. Dutzende Nachrichtenseiten und die Plattform X sind gesperrt und nur über VPN zugänglich. „In Katastrophen wie diesen kann der fehlende Zugang zu Informationen Menschenleben kosten“, kritisiert Mesones Rojo.
Betroffene berichtet von Kriegsgebiet-ähnlichen Zuständen
Mesones Rojo selbst blieb unverletzt, wurde aber bei der zweiten Erschütterung aus ihrer Wohnung getrieben. Ihre beste Freundin und ihr Ex-Mann wohnen in Los Palos Grandes, einem schwer betroffenen Stadtteil. „Am Telefon erzählte meine Freundin mir, dass Teile ihres eigenen Wohnhauses in der Mitte auseinandergebrochen waren. Das Gebäude gegenüber war komplett eingestürzt. Sie habe etliche Menschen schreien hören.“ Als sie ihren Ex-Mann abholte, hatte sie das Gefühl, „durch ein Kriegsgebiet zu fahren: Überall lagen Trümmer, alles war voller Staub, fast alle Häuser hatten Schaden genommen. Die Straßen waren voller Menschen, die evakuiert wurden.“
Politische Lage und internationale Hilfe
Venezuela wird von einer autoritären linken Regierung unter Vizepräsidentin Delcy Rodríguez regiert, nachdem der frühere Machthaber Nicolás Maduro im Januar von den USA entführt wurde. Die USA unter Präsident Donald Trump sagten schnell Hilfe zu. Außenminister Marco Rubio erklärte: „Amerika steht in dieser schwierigen Zeit an der Seite des venezolanischen Volkes.“ Auf Anweisung Trumps würden Such- und Rettungsmannschaften, medizinische Ressourcen und humanitäre Hilfe entsandt. Auch Bundeskanzler Friedrich Merz und weitere Staatschefs versprachen Hilfe.
Kritik an mangelnder Vorbereitung
„Die venezolanische Regierung ist auf eine solche Katastrophe nicht vorbereitet“, sagt Mesones Rojo. „Es gibt große Korruptionsprobleme, eine stark defizitäre medizinische Versorgung. Weder Feuerwehr noch Zivilbevölkerung können darauf angemessen reagieren.“ Tausende Menschen warten weiterhin auf Hilfe.



