Iran: Angst vor Internet-Sperre größer als vor Krieg
Iran: Angst vor Internet-Sperre größer als vor Krieg

Iran: Angst vor Internet-Sperre größer als vor Krieg

Teheran. Viele Iraner teilen in den sozialen Medien ihre Sorgen über Krieg, Armut und politische Unfreiheit – doch es gibt auch Hoffnung auf Veränderung. Von Roya Hedayati

Neue Spannungen zwischen dem Iran und Israel lösen Hoffnung und Angst zugleich aus. Azads Gefühlslage schwankt in diesen Tagen zwischen Hoffnung und Angst. Was wird der Krieg, den die USA und Israel gegen sein Land führen, bringen? Steckt in der neuen Eskalation auch die Chance, dass sich die politische Situation ändert? „Viele Menschen haben das Gefühl, nichts mehr zu verlieren. Trotzdem ist Krieg schmerzhaft, besonders für Kinder. Weil ich selbst Vater bin, kann ich die Angst meines Kindes spüren“, schreibt der 45-jährige Personal Trainer aus Teheran in den sozialen Medien. Azad ist geschieden, seine Ex-Frau und sein Kind leben in einer kleineren Stadt im Iran. Er engagiert sich für einen politischen Wandel und ein freieres Iran.

Besonders prägend, berichtet er, seien für ihn die Demonstrationen Anfang Januar gewesen. Damals gingen Massen auf die Straße, um gegen das Mullah-Regime und die anhaltende Wirtschaftskrise zu demonstrieren. Azad sagt, er habe selbst erlebt, wie brutal Sicherheitskräfte gegen Demonstrierende vorgingen. Die Erlebnisse hätten ihn tief erschüttert und seinen Wunsch nach Veränderungen im Land weiter verstärkt. Vor allem die wirtschaftliche Lage habe die Bevölkerung an ihre Grenzen gebracht. Arbeiter verdienten umgerechnet oft nur noch 12,60 Euro am Tag. Gleichzeitig seien die Preise für Lebensmittel stark gestiegen. Fleisch und Fisch seien für viele Familien längst Luxus.

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Wie Azad diskutieren in diesen Tagen viele Menschen über die aktuelle Lage im Iran. Monatelang war das Internet gesperrt, endlich können sich die Menschen im Iran wieder austauschen. Die Folgen der neuen Eskalation nach dem Waffenstillstand bewerten die Menschen unterschiedlich. In Großstädten wie Teheran, Maschhad, Isfahan oder Schiras überwiegt die Hoffnung, der Krieg möge politische Veränderungen mit sich bringen. Veränderungen, die womöglich zu einem Ende des Mullah-Regimes führen. Auf dem Land hingegen überwiegt die Sorge: Zwar sind auch dort viele Menschen unzufrieden mit der politischen und wirtschaftlichen Situation, Krieg wird jedoch meist nicht als Lösung angesehen.

Viele Nutzer reagieren aber auch mit bitterem Humor auf die neue Eskalation. „Ayatollah Trump konnte sein Versprechen, die iranische Bevölkerung zu unterstützen, offenbar nicht einhalten.“ Andere Nutzer machen sich über die Hoffnung vieler Regimegegner lustig, dass bereits kleinere Verstöße gegen den Waffenstillstand zu einer erneuten militärischen Eskalation führen könnten. Was auch klar wird: Der freie Internetzugang ist für viele Iranerinnen und Iraner extrem wichtig. Sollte die Waffenruhe weiterhin gebrochen werden, sollte die Lage weiter eskalieren, befürchten sie, erneut von Informationen, Nachrichten und der Kommunikation mit dem Ausland abgeschnitten zu werden. So schreibt ein 28-jähriger Nutzer auf Threads: „Meine Angst vor einer Abschaltung des Internets ist größer als meine Angst vor dem Krieg.“ Die Aussage wurde von zahlreichen Nutzern aufgegriffen und kommentiert.

Zusätzlich belasten Inflation, Währungsverfall und steigende Preise für Lebensmittel und andere Güter des täglichen Bedarfs die Bevölkerung. In sozialen Netzwerken schildern zahlreiche Nutzer ihre Sorgen über die wirtschaftliche Zukunft und die zunehmende Verarmung breiter Bevölkerungsschichten. Mehrere Nutzer berichten, dass einige Supermärkte inzwischen Ratenzahlungen für Lebensmittel und Hygieneartikel anbieten. Immer mehr Familien griffen auf solche Angebote zurück.

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Während regierungsnahe Berichte den Eindruck vermitteln, die Konflikte um die Hijab-Pflicht hätten an Bedeutung verloren, berichten User von Kontrollen und Einschränkungen im Alltag. So seien Restaurants, Cafés oder Geschäfte vorübergehend geschlossen worden, weil sich Kundinnen oder Mitarbeiterinnen angeblich nicht an die Bekleidungsvorschriften gehalten hätten. Diese Berichte lassen sich oft nicht unabhängig überprüfen, verdeutlichen jedoch die anhaltende Unzufriedenheit vieler Bürger mit den gesellschaftlichen und politischen Vorgaben. Gleichzeitig verweisen Nutzer darauf, dass staatliche Medien regelmäßig Bilder von Frauen veröffentlichen, die sich frei im öffentlichen Raum bewegen. Kritiker sehen darin einen Widerspruch zu den Erfahrungen, die viele Bürger im Alltag machen.

Besonders häufig richtet sich die Kritik in den sozialen Netzwerken gegen die Außenpolitik des iranischen Regimes. Viele Nutzer werfen der Regierung vor, sich nicht um die wirtschaftlichen und sozialen Probleme im eigenen Land zu kümmern. Die scharfen Reaktionen auf die Entwicklungen im Libanon werden von Kritikern als Beleg dafür gewertet, dass verbündete Akteure – die Hisbollah – in der Region größere Aufmerksamkeit erhalten als die Anliegen der eigenen Bevölkerung. In zahlreichen Kommentaren wird gefragt, warum wirtschaftliche Not, Inflation und Arbeitslosigkeit im Iran weiterhin ungelöst blieben.

Was viele Beiträge eint: Der Iran befindet sich an einem entscheidenden Wendepunkt. Auch wenn niemand vorhersagen kann, welche Folgen die aktuelle Nahost-Eskalation tatsächlich haben wird.