Nach ukrainischen Angaben soll die russische Armee mit einer Shahed-Drohne das zentrale Lager für abgebrannte Brennelemente in der Sperrzone um das stillgelegte Atomkraftwerk Tschernobyl getroffen haben. Der Staatskonzern Energoatom teilte mit, dass das Gebäude für die Annahme von Behältern bei dem nächtlichen Angriff teilweise zerstört wurde. Ein Feuer habe sich auf einer Fläche von 40 Quadratmetern ausgebreitet, sei jedoch mittlerweile gelöscht worden. In dem betroffenen Bereich sei kein abgebrannter Kernbrennstoff gelagert gewesen, so Energoatom. Die Strahlenwerte lägen innerhalb der festgelegten Grenzwerte.
Selenskyj verurteilt Angriff als extrem niederträchtig
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj erklärte auf der Plattform X, Russland habe die Anlage gezielt angegriffen. Er bezeichnete die Attacke als extrem niederträchtig und betonte, dass es sich um eine extrem kritische Infrastruktureinrichtung handele. Das ukrainische Außenministerium, das Energieministerium und weitere Behörden würden daran arbeiten, alle Partner über die Geschehnisse zu informieren.
IAEA zeigt sich besorgt
Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) teilte mit, dass sie von ukrainischer Seite über erhebliche Schäden an dem Gebäude informiert worden sei. Betroffen seien die Fassade, Fenster und Türen. Auch benachbarte Gebäude seien durch die Druckwelle in Mitleidenschaft gezogen worden. Ein IAEA-Team werde die Anlage in Kürze besuchen, um die Auswirkungen zu begutachten. IAEA-Generaldirektor Rafael Grossi erklärte, der Vorfall sei äußerst besorgniserregend, da er sich an einem Ort ereignet habe, wo große Mengen an Kernmaterial gelagert seien – nur wenige Meter von dem angegriffenen Gebäude entfernt. Angriffe auf kerntechnische Anlagen seien völlig inakzeptabel und verstießen direkt gegen zentrale Grundsätze der nuklearen Sicherheit während eines militärischen Konflikts.
Hintergrund: Tschernobyl und der Krieg
Das Atomkraftwerk Tschernobyl in der Oblast Kyjiw nahe der Grenze zu Belarus steht für die größte Katastrophe in der Geschichte der Kernenergie-Nutzung. Im April 1986 kam es zur Kernschmelze, ein Reaktor explodierte und setzte große Mengen Radioaktivität frei. Über dem zerstörten Block vier wurde ein Sarkophag errichtet, in den im Februar 2025 eine mutmaßlich russische Drohne einschlug. Im Zuge des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine, der seit mehr als vier Jahren andauert, kam es bereits mehrfach zu Zwischenfällen an Kernkraftwerken. Besonders betroffen ist das Atomkraftwerk Saporischschja im Süden.
Weitere Angriffe in der Ukraine
Auch andernorts hat Russland die Ukraine erneut angegriffen. In der Nacht zum Sonntag wurden nach ukrainischen Angaben mindestens zwei Menschen getötet. Ein 59-jähriger Mann sei bei russischen Drohnen- und Raketenangriffen auf die zentralukrainische Region Dnipropetrowsk gestorben, erklärte der örtliche Gouverneur Oleksandr Hanscha. Ein 56-jähriger Minibusfahrer wurde bei einem Drohnenangriff in der südlichen Region Saporischschja getötet, wie der staatliche Rettungsdienst mitteilte.



