Der Wettlauf der Milliardäre Jeff Bezos und Elon Musk um die Vorherrschaft im All entscheidet sich nicht nur in den USA, sondern auch in einer Werkhalle in Bremen. Am Donnerstag startet die nächste Ariane 64 mit 32 Amazon-Leo-Satelliten an Bord, um sie in eine niedrige Erdumlaufbahn zu bringen. Das Startfenster öffnet sich in Kourou ab 10.08 Uhr bis 10.57 Uhr deutscher Zeit. Ein zentraler Bestandteil dieser Mission wurde bei der ArianeGroup am Flughafen Bremen gebaut.
Amazon steht zweifach unter Druck
Für Amazon ist dieser Flug kein normaler Start. Jeff Bezos will mit Amazon Leo ein eigenes Internet aus dem All aufbauen. Tausende Satelliten sollen später Haushalte, Unternehmen und Mobilfunknetze versorgen. So sollen ab 2028 Hunderte Flugzeuge der Airline Delta mit Leo online gehen und Vodafone will mit der Technologie seine Funkmasten in Gebieten mit schlechter Abdeckung, unter anderem auch in Deutschland, versorgen. Doch Bezos liegt hinter Konkurrent Elon Musk zurück. Dessen Netzwerk Starlink ist längst in Betrieb. Zusätzlich gelten für den Aufbau Fristen der US-Funkaufsicht FCC, die Amazon zu reißen droht. Das Unternehmen hat nach eigenen Angaben bereits mehr Spielraum beantragt. Heißt: Jeder erfolgreiche Start zählt gerade doppelt. Doch erst kürzlich patzte Bezos’ eigenes Weltraum-Unternehmen Blue Origin mit seiner New-Glenn-Rakete und setzte Amazons Satelliten in die falsche Umlaufbahn.
BILD besucht die Werkhalle in Bremen
BILD hat den Ort besucht, an dem ein Teil dieses Wettlaufs entsteht: die Werkhalle der ArianeGroup direkt am Flughafen Bremen. Von außen unscheinbar. Drinnen eine andere Welt. Eine weiße, fast klinische Halle. Überraschend wenig Lärm. Riesige silberne Tanks wie Ufos. Bauteile drehen sich millimetergenau in Gestellen. Es riecht nach Reinigungsmittel. Vieles erinnert eher an einen Reinraum als an Schwerindustrie. BILD-Reporter Thomas Porwol in Kittel und mit Haarnetz in einer der Fertigungshallen der Ariane 6. Im Hintergrund warten kreisrunde Treibstofftanks auf die nächsten Produktionsschritte. Neben einem etwas verloren wirkenden Schreibtisch hängt ein Zettel mit der Aufschrift: „Sei schlau, arbeite bei grau.“ Gemeint ist die strikte Trennung zwischen Schwarz-, Grau- und Weißbereichen, also Zonen mit immer strengeren Regeln für Sauberkeit, Luft und Partikel. Wer im weißen Bereich arbeitet, braucht Haarnetz, Kittel und Überzieher für die Schuhe, um die Räume so sauber wie möglich zu halten.
Bremen baut das „Gehirn der Rakete“
In dieser Halle entsteht die Oberstufe der Ariane 6. Das, was die ArianeGroup selbst das „Gehirn der Rakete“ nennt. Sie übernimmt die letzte Phase der Mission. Sie sorgt dafür, dass die Satelliten präzise im Orbit ausgesetzt werden. Aktuell entstehen dort zehn dieser Oberstufen pro Jahr. Die Oberstufe der Ariane 6 wird in mehreren Stationen zusammengebaut.
Amazon muss im All Tempo machen
Laut dem Unternehmen sind bereits mehr als 200 Satelliten in ihrer Umlaufbahn. Mit dem heutigen Start und der nächsten Mission sollen es mehr als 300 sein. Am Ende soll das Netz von Amazon Leo auf über 3200 Satelliten wachsen. Später im Jahr 2026 sollen dann die ersten Regionen mit Internet aus dem All versorgt werden. Der Ausbau beginnt von 56 Grad Nord und Süd in Richtung Äquator. Europa gehört damit zu den ersten Regionen, die Abdeckung bekommen sollen. Im Februar hob die erste Ariane 6 mit Satelliten von Amazon Leo in Französisch-Guayana vom Weltraumbahnhof in Kourou ab.
„Ariane ist zurück!“
Ariane ist nicht Amazons einziger Startpartner. Aber einer der wichtigsten. 18 Ariane-64-Starts hat Amazon bei Arianespace gebucht. Für Europas Ariane-System ist das ein Prestige-Projekt. Es ist der größte Startvertrag der Firmengeschichte. „Ariane ist zurück“, sagt Pierre Godart, Geschäftsführer der ArianeGroup in Deutschland, beim Besuch in Bremen. Doch dabei soll es nicht bleiben. Jetzt gehe es darum, Produktion und Starts „hochzufahren, hochzufahren, hochzufahren“. Ariane muss nicht nur beweisen, dass Europas Rakete wieder fliegt, sondern auch, dass sie nun in höherem Takt gebaut und gestartet werden kann. Für 2026 peilt das Unternehmen sieben bis acht Flüge an.
Eine Rakete, made in Europe
Die Rakete entsteht in Zusammenarbeit von 600 Firmen aus 13 europäischen Ländern und ist komplett made in Europe. Bremen baut die Oberstufe, Frankreich die Hauptstufe, Chips für die Elektronik kommen aus Spanien. Am Ende geht alles nach Kourou zum Start. Bezos setzt im Rennen gegen Musk also nicht nur auf Amerika und nicht nur auf seine eigene Rakete New Glenn, sondern auch auf Europas Raumfahrt. Musk hat seine Raketen. Bezos braucht Partner. Einer der wichtigsten wird in Bremen gebaut.



