In Eberswalde züchten Forscher Hausböcke und Termiten für Holzschutztests
Holzschutztests mit Hausböcken und Termiten in Eberswalde

Forschung: Wo es vor Hausböcken und Termiten nur so wimmelt

In Eberswalde züchtet ein Unternehmen Insekten, die Holz zerstören können. Mit ihnen prüfen die Experten Holzschutzmittel für Hersteller aus aller Welt.

Die Luft ist warm und feucht, ein leises Knistern liegt im Raum. Das Geräusch kommt aus Stahlschränken, in denen Holzplatten dicht übereinander geschichtet sind. Tausende Hausbocklarven fressen sich durch die Platten. Hinter Glasscheiben ist das Ergebnis ihrer Arbeit zu sehen: feines Bohrmehl, das Thomas Kolling „Genagsel“ nennt. Für die Eberswalder Materialprüfanstalt MPA züchtet Kolling Insekten, die normalerweise niemand in Wohnhäusern, Kirchen oder anderen Holzbauwerken haben möchte – Hausbockkäfer, Nagekäfer, Splintholzkäfer und Termiten.

Tropisches Klima für gefürchtete Holzschädlinge

„Wir haben hier ideale Bedingungen für die Larven“, erklärt Kolling. Der Entwicklungszyklus der Hausbocklarven dauere hier nur etwa 14 Monate, in der Natur hingegen mehrere Jahre. Das Unternehmen testet im Auftrag von Herstellern aus aller Welt unter anderem mit Hilfe der Insekten, wie wirksam Holzschutzmittel sind. „Entweder setzen wir frisch geschlüpfte Larven auf behandeltes Holz und prüfen, ob sie absterben. Oder wir behandeln Holz, in dem sich bereits Schädlinge befinden, und schauen nach einer gewissen Zeit, ob die Larven tot sind“, erklärt Kolling.

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Tests für befallene Kirchen und Museen

Ferner untersucht die MPA auch die Wirksamkeit von Bekämpfungsmaßnahmen in befallenen Gebäuden. „In Kirchen oder Museen können Räume oft nur begast werden, um die wertvolle Einrichtung zu schützen“, erklärt Geschäftsführer Robby Wegner. Dafür liefere das Unternehmen sogenannte Prüfbalken, die mit Larven bestückt sind und während der Bekämpfung in den Räumen belassen würden. „Nach der Behandlung öffnen wir die Balken und sehen, ob die Insekten tatsächlich abgestorben sind. Anders ist es schwer nachzuweisen, dass eine Bekämpfung erfolgreich war“, sagt der Chemiker und Unternehmer.

Neben der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM) in Berlin gehört das Eberswalder Unternehmen zu den wenigen Einrichtungen in Europa, die ein breites Spektrum an Holzschutzprüfungen anbieten. „Wir haben eine besondere Spezialisierung auf diesem Gebiet“, sagt Wegner. Untersucht wird auch die Dauerhaftigkeit von Holz und Holzprodukten – etwa mit Hilfe holzzerstörender Pilze oder in Freilandversuchen.

Forschung hat Tradition in Eberswalde

Die Wurzeln des Unternehmens reichen tief in die forstliche Tradition Eberswaldes zurück. Bereits in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sei der Holzschutz, insbesondere mit Blick auf die Haltbarkeit von Holz im Verkehrswegebau, ein wichtiges Forschungsthema gewesen, erläutert Wegner. In der DDR war diese Arbeit im Institut für Forstwissenschaften gebündelt, aus dem Anfang der 1990er-Jahre das Materialprüfungsamt des Landes Brandenburg hervorging. Die angespannte Haushaltslage des Landes führte Anfang der 2000er Jahre schließlich zur Privatisierung.

Heute arbeitet das MPA Eberswalde als privatwirtschaftlich organisiertes Labor mit knapp 20 Beschäftigten. „Wir sind heute viel internationaler als Ende der 1990er Jahre“, sagt Wegner. Die meisten Kunden kämen zwar aus Europa, weil viele Anforderungen auf EU-Ebene geregelt seien. „Aber im Prinzip haben wir Aufträge aus allen Kontinenten – bis auf die Antarktis“. Häufig kämen sie von Unternehmen, die ihre Produkte auf dem europäischen Binnenmarkt verkaufen wollen.

Zehntausende Termiten im Härtetest

Nur wenige Meter neben den Hausböcken, in einem weiteren Labor, das noch wärmer ist, tummeln sich Zehntausende Termiten. Zwei Arten aus Frankreich und Australien werden hier gezüchtet. Thomas Kolling erklärt, dass die Termitenprüfungen beim MPA Eberswalde ausschließlich vorbeugend angelegt seien. Dabei wird bereits behandeltes Holz den Insekten ausgesetzt, um zu prüfen, wie weit die Tiere trotz der Behandlung durch Holzschutzmittel Schaden anrichten können.

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Entscheidend sei die Tiefe der Fraßaktivität, denn Termiten treten in großen Kolonien auf. „Das sind ja mehrere Tausend Exemplare“, sagt Kolling. Selbst wenn einzelne Tiere sterben, könne sich der Schaden summieren: „Irgendwann ist das Holz so tief eingefressen, dass dann nichts mehr von dem Wirkstoff da ist.“ Deshalb seien die Anforderungen besonders hoch – Termiten dürften „eigentlich so gut wie keinen Schaden anrichten“.

Das Hamburger Termiten-Problem als Sonderfall

Das wohl bekannteste Termitenvorkommen in Deutschland gab es lange Zeit in Hamburg. Jahrzehntelang war das dortige Oberlandesgericht befallen, nachdem Vorfahren der Tiere Ende der 1920er Jahre mit importiertem Bauholz eingeschleppt worden waren. „Seit 2008 liegt der Befall unter der Nachweisgrenze“, sagt der Biologe Rüdiger Plarre von der BAM in Berlin. Wenn noch Termiten vorhanden seien, dann in so geringer Zahl, dass sie sich nicht mehr nachweisen ließen.

Plarre betont zugleich, dass Termiten für Deutschland kein grundsätzliches Problem darstellen. „Solange der Winter Bodenfrost bringt, haben Termiten keine Chance, sich hier zu etablieren“, sagt er. Nicht die steigende Durchschnittstemperatur sei entscheidend, sondern extreme Kälteereignisse. Erst wenn diese dauerhaft ausblieben, könne sich das ändern – „ob das in 50 oder 100 Jahren ist, weiß niemand“.

Große Termitenzucht an der BAM

Die BAM ist eine staatliche Forschungseinrichtung. Sie unterhält laut Plarre Zuchten von mehr als 25 Termitenarten aus nahezu allen Erdteilen. „Das Artenspektrum ist bei uns größer, weil wir nicht nur prüfen, sondern auch forschen“, erklärt Plarre. Die BAM arbeitet unter anderem zu evolutionsbiologischen Fragen, etwa zur Entstehung des Soziallebens bei Termiten – Erkenntnisse, die langfristig auch neue Bekämpfungsstrategien ermöglichen könnten.

Enge Zusammenarbeit für den Holzschutz

Beide Einrichtungen kooperieren eng miteinander. „Wir unterstützen uns gegenseitig, nicht nur in der Insektenzucht, sondern auch bei der Normungsarbeit“, sagt Plarre. So habe die MPA Eberswalde maßgeblich an den deutschen und europäischen Normen mitgewirkt, die den Holzschutz regeln.