An der Ostseeküste von Mecklenburg-Vorpommern hat sich ein ungewöhnliches Schauspiel entwickelt. Auf der Insel Poel versammeln sich täglich zahlreiche Menschen, um den gestrandeten Buckelwal zu sehen. Die Motive der Besucher sind jedoch höchst unterschiedlich. Während einige das Tier retten wollen, nutzen andere die Gelegenheit für politische Botschaften oder soziale Medien.
Organisierte Hilfe per WhatsApp
Die Wal-Begeisterten haben sich in digitalen Netzwerken organisiert. In der WhatsApp-Gruppe „Hope Atmung DOKU Gruppe!“ protokollieren 32 Mitglieder jede Atmung des Wals sekundengenau. Die Daten teilen sie mit über 600 Personen in der Gruppe „News rund um Hope“. Diese akribische Dokumentation zeigt die tiefe Verbundenheit mit dem Tier. Reagieren die Nutzer auf Atemintervalle mit Herzchen, so antworten sie auf politische Entscheidungen mit wütenden Emojis. Als Umweltminister Backhaus am Montag mitteilte, dass eine Entscheidung noch ausstehe, zeigten 33 Menschen ihren Unmut mit erbrechenden Smileys.
Anreise aus ganz Deutschland
Viele Walfreunde reisen hunderte Kilometer an. Susanne Sommer aus Krefeld sagt: „Ich konnte nicht mehr vor dem Handy sitzen. Ich musste selbst hier sein.“ Sie hat Urlaub genommen und ein Zimmer gebucht, nur um täglich vor einem Bauzaun zu stehen und auf das Wasser zu starren. Aus der Ferne wirkt der Wal wie ein Felsen, aber das Dabeisein zählt. Eine Gemeinschaft ist entstanden, die sich gegenseitig stützt. Astrid Drews, 74 Jahre alt, ist erleichtert, als Taucher beim Wal ankommen. „Es ist grandios. Endlich läuft was“, sagt sie. Den Erfolg schreibt sie der „Community Hope“ zu, nicht der Politik.
Systemkritik am Strand
Neben den Empathischen gibt es auch Misstrauische. Sie nutzen den Wal, um ihre Kritik an Politik und Medien zu äußern. Eine Frau bezeichnet Journalisten als „Ratten“ und fordert objektive Berichterstattung wie bei Corona. Eine andere behauptet, das Skelett sei bereits verkauft und die Rettung werde absichtlich verzögert. Belege bleiben aus. Abends organisieren sie eine Mahnwache mit einem Wohnwagen, an dem ein Thorshammer prangt – ein Symbol, das auch in völkischen Kreisen verwendet wird. Die Gesichter sind aus anderen Protesten bekannt, etwa gegen Steuerwahnsinn oder hohe Spritpreise.
Influencer und TikTok-Hype
Ein drittes Epizentrum des Dramas ist TikTok. KI-generierte Bilder zeigen leidende Wale, begleitet von emotionalen Songs. Danny Hilse, ein tätowierter Influencer mit 72.000 Followern, inszeniert sich als Tierschützer. Er rief bereits zu „Gemeinsam für Deutschland“-Demos auf, die bei Verschwörungstheoretikern und Rechtsextremen Anklang fanden. Der Verfassungsschutz warnte 2025 vor solcher Instrumentalisierung. Hilse ist Teil des Rettungsteams, obwohl ihm Wal-Expertise fehlt.
Ein Kreislauf der Bestätigung
Die verschiedenen Gruppen auf Poel bilden ein eigenes Gesellschaftssystem. Die Wut der einen wird zum viralen Inhalt der anderen, dessen Reichweite wiederum die Sorge der ersten bestärkt. So bestätigen sie sich gegenseitig ihre Realität. Der Wal selbst rückt in den Hintergrund. Die genaue Dokumentation seiner Atmung hilft nicht dem Tier, sondern der eigenen Weltanschauung. Wenn der Wal irgendwann verschwunden ist – ob gerettet oder tot – werden die Misstrauischen und Inszenierer das nächste Thema suchen. Zurück bleiben die Empathischen, bis auch die Algorithmen weiterziehen. Vielleicht sehen die Menschen von Poel dann wieder ihre Familien.



