Die umstrittene Rettungsaktion für den in der Ostsee gestrandeten Buckelwal hat eine unerwartete Wendung genommen. Das Transportschiff, das den Wal in die Nordsee bringen sollte, musste aufgrund einer drohenden Sturmwarnung abdrehen. Der Lastkahn mit dem Meeressäuger hatte bereits fast die Nordsee erreicht, als die Wetterlage eine sichere Weiterfahrt unmöglich machte.
Schiff dreht wegen Sturm ab
Wie der Schiffs-Ortungsdienst Vesselfinder meldete, befand sich der Transportverband am frühen Morgen nur etwa 20 Kilometer vom nördlichsten Punkt Dänemarks entfernt, nahe der Stadt Skagen. Dort treffen Kattegat und Skagerrak aufeinander – der natürliche Eingang zur Nordsee. Doch statt diesen zu passieren, änderte das Schiff seinen Kurs und steuerte wieder nach Süden.
Grund dafür ist ein aufziehendes Sturmgebiet mit hohen Wellen, das eine Gefahr für den Wal in der offenen Barge darstellt. Die Entscheidung, das Tier nicht den gefährlichen Seegängen auszusetzen, traf die private Rettungsinitiative in Absprache mit den Behörden. Ob und wann der Transport fortgesetzt werden kann, ist derzeit unklar.
Wal zeigt Stresssymptome
Während der Fahrt durch das Kattegat hatten Beobachter festgestellt, dass der Wal auffällige Laute von sich gab. Meeresbiologin Lisa Klemens vom Meeresmuseum Stralsund erklärte, das sogenannte Singen des Wals sei kein Zeichen von Wohlbefinden, sondern ein Indikator für akuten Stress. Bartenwale nutzten Schall zur Kommunikation, aber auch, um Stress- und Warnlaute zu äußern.
„Diese treten bei Störung, Bedrohung oder starker akustischer Belastung auf“, so Klemens. Die hohe Lärmbelastung durch den Schiffsverkehr und die ungewohnte Umgebung zwängen den Wal, seine Laute zu verstärken und zu wiederholen – ein klares Zeichen für akustischen Stress.
Kritik an der Rettungsaktion
Die Rettungsaktion steht weiterhin in der Kritik. Während die private Initiative um die Unternehmerin Karin Walter-Mommert und MediaMarkt-Gründer Walter Gunz den Wal als „sehr lebendig“ beschreibt, warnen unabhängige Experten vor den Risiken. Die Internationale Walfangkommission (IWC) hatte bereits zuvor erklärt, dass das Tier „schwer geschädigt“ sei und eine Verbringung in tieferes Wasser kaum überleben würde.
Das Deutsche Meeresmuseum in Stralsund sprach sich gegen den Transport aus und forderte, den Wal größtmögliche Ruhe zu lassen. Die Wissenschaftler befürchten, dass der Stress des Transports den Zustand des bereits geschwächten Tieres weiter verschlechtern könnte.
Politische Implikationen
In Mecklenburg-Vorpommern sorgt der Fall für politische Diskussionen. Umweltminister Till Backhaus (SPD) hatte ein geplantes Treffen zum Schutz von Meeressäugern abgesagt, um stattdessen eine Pressekonferenz zum Wal zu geben. Kritiker werfen ihm vor, die Rettung des einen Wals für Wahlkampfzwecke zu instrumentalisieren, während der Artenschutz in der Ostsee vernachlässigt werde.
Meeresbiologe Henning von Nordheim von der Universität Rostock betonte, dass jedes Jahr über 50 Schweinswale vor der mecklenburgischen Küste als Beifang in Fischernetzen verenden – ein Problem, das seit Jahren bekannt sei, aber kaum Beachtung finde.
Ausblick: Ungewisse Zukunft
Ob der Wal den Transport übersteht, bleibt fraglich. Die nächsten Stunden werden zeigen, ob die Wetterlage eine Weiterfahrt zulässt oder ob der Wal zurück in flachere Gewässer gebracht werden muss. Die private Initiative hält an ihrem Ziel fest, den Wal in der Nordsee freizulassen, doch die Zeit drängt.
Unterdessen ist der Wal auf Poel, wo er zuvor tagelang gestrandet war, in den Alltag zurückgekehrt. Die Bewohner sind erleichtert, dass der Trubel vorbei ist, doch die Sorge um das Tier bleibt.



