Tradwife-Phänomen: „Bei uns hat der Mann das letzte Wort“ – Roman enthüllt Trend
Tradwife-Trend: Romanautorin über weibliche Radikalisierung

Pastellfarbene, piksaubere Küchen, frisch angesetzter Sauerteig in allen Farben des Regenbogens, das Baby auf der Hüfte, perfekt sitzende Kleidung und ein sanftes Lächeln im Gesicht der „geborenen Hausfrau“. In den Sozialen Medien wirkt das Tradwife-Idyll (Tradwife steht für Traditionelle Ehefrauen) wie ein Versprechen: Bei uns ist die Welt noch in Ordnung. „Es sieht harmlos aus“, sagt die Journalistin und Schriftstellerin Hannah Lühmann, „aber es ist politisch aufgeladen – und es wirkt vor allem dort, wo weibliche Einsamkeit beginnt“.

Die zweifache Mutter hat einen Roman zum Thema geschrieben, den sie am 23. April um 19.30 Uhr im Literaturhaus Rostock (im Peter-Weiss-Haus) vorstellen wird. Der Titel des Buches: „Heimat“.

Ein Evangelium der Schürze?

Mann kommt von der Arbeit und blickt im Beisein von Frau und Tochter erfreut in den Kochtopf – ein Bild aus Bayern, 1965. Die Geschichte der Frauenbewegung reicht bis ins 19. Jahrhundert. Motive wie diese greifen aktuelle Tradwife-Trends auf und setzen sie in ein modernes Licht. „Mich haben diese Inhalte eiskalt erwischt, als ich gerade aus meiner zweiten Elternzeit zurück in den Beruf kehrte“, berichtet Lühmann. Zwischen Kita-Eingewöhnung, Stillen und dem Versuch, wieder im Job Fuß zu fassen, hätten die Videos der Tradwifes eine beinahe „sogartige Wirkung“ auf sie gehabt.

Breites Pickt-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App für Telegram

Das Versprechen: Ordnung, Nähe, Ritual. Diese Nutzerkonten zeigen das idealisierte Bild der traditionellen Ehefrau und verknüpfen Alltagserzählungen mit konservativen Rollenbildern. Dabei streifen sie, teils kaum merklich, politische Milieus der Neuen Rechten. Der Begriff Tradwife stammt aus den USA und dockt dort an evangelikale Netzwerke und die Alternative Rechte an. In Deutschland wirkt vieles „importiert“, sagt Lühmann. „Die zugrundeliegende Idee ist zerstreut wiederzufinden in Netzwerken, die Schulkritik üben, bei Corona-Kritikern, Impfgegnern und Ernährungsratgebern.“ Die Szene sei hier ein Flickenteppich mittelgroßer Accounts mit Überschneidungen zur Mum-Blogging-Welt, die seit Jahren Haushalts- und Familienratgeber sowie Landlust-Themen bedienen.

Wenn Frauen sich in der Elternzeit radikalisieren

Lühmann nennt das, was sie beobachtet, „weibliche Radikalisierung“. Kein lärmender Aufmarsch, keine Konfrontationspose, sondern ein leises, systematisches Verschieben von Positionen – auch bei Frauen, die sich als feministisch begreifen. Als Katalysator nennt sie die Elternzeit. „Wer mit dem Kleinkind zu Hause sitzt, und das sind in Deutschland nun mal in der Hauptsache die Frauen, verlässt die öffentliche Sphäre.“ In diesem Vakuum werde das Smartphone oft zum wichtigsten Fenster in die Welt: von Nachricht bis Kochrezept, von Einschlaftipp bis selbst gemachter Salbe. Schaut man inhaltlich tiefer hinein und betrachtet auch, wer den Tradwifes in den Sozialen Medien folgt, so Lühmann, zeigten sich schnell Verbindungen zur Neuen Rechten – auch in Deutschland.

Der Algorithmus liefert die Brücke

Aber was ist verkehrt daran, ein traditionelles Rollenbild zu leben und es öffentlich zu zeigen? „Gar nichts“, stellt Lühmann klar. „Es geht einzig und allein um die politisch-ideologische Aufladung der Inhalte.“ Schule, Medienerziehung, Genderfragen – Tradwife-Inhalte bündeln Kulturkampffelder im Mantel des Alltags. „Es ist ihnen gelungen, in dieser Vereinfachung, gesellschaftliche Wärme anzubieten“, sagt sie. Etwas, das früher eher in anderen politischen Strömungen zu finden war, so Lühmann. Etwa bei den Linken oder den Grünen, die mit Gemeinschaft und Selbstwirksamkeit warben.

Der Algorithmus der Sozialen Medien liefert die Brücke: Wer für Rezepte kommt, findet Ratgeber zur „natürlichen“ Erziehung, stößt auf Warnungen vor Kitas, liest weiter über Impfen und landet bei Reichsbürgerthemen oder neuer germanischer Medizin. Nicht immer frontal, oft nur als Link in der Story, als Empfehlung „aus eigener Erfahrung“.

Pickt After-Article-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App mit Familien-Illustration

Die Sogwirkung ergibt sich aus echten Problemen

„Die Elternzeit ist ein Einfallstor für irrationale Inhalte, weil sie isoliert“, meint Lühmann – aus eigener Erfahrung. „Man verabschiedet sich aus Büro, Öffentlichkeit, Medien und füllt die Lücke mit vermeintlicher Nähe im Internet.“ Doch das sei eine echte „Entheimatungsmaschine“, so Lühmann. Dort warte eine Ideologie, die Sorge-Arbeit scheinbar aufwerte, bisweilen sakralisiere – verbunden mit dem Anspruch, die Frau möge sich dem Mann unterordnen.

Nicht selten sagt eine Tradwife etwa in die Kamera: „Bei uns hat der Mann das letzte Wort.“ Der wird indes in den Videos häufig zur Randfigur, zum abwesenden Geldverdiener stilisiert. Die Sogwirkung ergebe sich aus echten Problemen und echten Lücken, meint Lühmann. Vor allem für Frauen, vor allem in ländlichen Räumen: fehlende Kitas, mangelnde Infrastruktur, fehlende Gemeinschaft. „Als Frau wird man zerrieben von den gesellschaftlichen Erwartungen, den eigenen Karrierewünschen und den Rollen, die man als Mutter, Ehefrau, Vorgesetzte erfüllen soll.“

Ambivalenter Titel „Heimat“ als Programm

Im Buch „Heimat“ erlebt die Protagonistin Jana genau das: Sie zieht mit ihrem Mann und zwei kleinen Kindern in eine fast dystopisch wirkende Neubausiedlung im Berliner Speckgürtel. Dort fühlt sie sich isoliert und überfordert. Sie trifft auf Karolin, fünffache Mutter, die ihr Leben als perfekte, hingebungsvolle Hausfrau im Griff zu haben scheint und das Ideal der Tradwife verkörpert.

Den Titel „Heimat“ wählten Lühmann und ihre Lektorin vom Hanser-Verlag bewusst. „Er ist mindestens ebenso ambivalent wie das Thema selbst“, erklärt Lühmann. Der Titel Heimat „schillert“, sagt sie. Er sei „unheimlich“, ideologisch aufgeladen, und gleichzeitig bezeichne er, „was wir alle suchen und haben“.