Nach dem Tod von Oma Hille Klemmer im März 2025 stand die Familie vor einer praktischen Frage: Wie soll es für Opa Horst weitergehen? Für Enkel Max war die Antwort klar. Er zog zurück nach Oldenburg, um seinen 87-jährigen Großvater im Alltag zu unterstützen. Denn mit Pflegestufe und wenig Erfahrung im Haushalt wäre es für Opa Horst allein schwierig geworden. Aufgaben, für die sonst Pflege- oder Haushaltshilfen nötig gewesen wären, übernimmt jetzt Max.
BILD besucht die ungewöhnliche Wohngemeinschaft aus Opa und Enkel. Ein Besuch, der das Herz aufgehen lässt und zeigt, dass Pflege viele Gesichter hat und nicht nur eine Bürde sein muss.
„Ich habe es Oma versprochen“
Die Entscheidung für den Umzug fällte Max bereits viel früher. Er erinnert sich: „Meine Großeltern und ich standen uns stets sehr nah. Schon in den Monaten vor Omas Tod habe ich viel Zeit mit ihnen verbracht. Oma meinte damals zu mir, ich solle mich um Opa kümmern, wenn sie nicht mehr da ist. Und das habe ich ihr dann versprochen. Oma wusste auch, dass Opa halt nicht so der Hausmann ist.“ Max hielt Wort. Nachdem Hille im März 2025 starb, brach Max seine Zelte in München ab und zog zurück nach Oldenburg ins Haus der Großeltern. Dort lebt Opa Horst im Erdgeschoss und Max hat sein Zimmer und sein Büro mit zwei Räumen in der oberen Etage.
Ein großes Opfer für den jungen Mann? „Nein, ich habe davor in München gewohnt und mich dort manchmal einsam gefühlt. Ich habe die beiden einfach vermisst. Wenn ich in Oldenburg war, fühlte es sich schön an“, erzählt der Unternehmer ehrlich. Mit Oma Hille auf der Insel Wangerooge – hier besitzen die Klemmers ein Ferienhaus; Max verbrachte seine Sommerferien stets dort mit seinen Großeltern.
Unfreiwillig komisches Duo
Ein Besuch bei den Klemmers ist eine Freude. Opa und Enkel geben ein unfreiwillig komisches Duo ab. Auf der einen Seite der über 2,04 Meter große, junge Mann mit seiner norddeutschen Zurückhaltung. Auf der anderen Seite der ältere Herr, der mit seinem Charme den Raum einnimmt. Horst redet wie ein Wasserfall, während Max Kommentare von der Seitenlinie gibt. Sie erinnern auf eine herrlich komödiantische Art an ein altes Ehepaar.
War das schon immer so? Max sagt: „Ja, aber früher haben Oma und ich gegengehalten. Jetzt mache ich das ohne sie. Opa braucht jemanden, der ihm Contra gibt. Wir zanken deswegen auch immer wieder. Aber das ist okay.“
Aufgrund eines Schlaganfalls und Polyneuropathie (heißt: Er spürt seine Beine ab den Knien abwärts nicht) hat Horst eine Pflegestufe.
Miete, Hausarbeit, Gespräche – alle gewinnen
In der ungewöhnlichen WG gewinnen alle. Max muss in dem längst abbezahlten Haus kaum Miete zahlen. Im Gegenzug übernimmt er Pflege- und Hausarbeiten für Horst. Arbeiten, für die Horst ansonsten eine Haushaltshilfe bräuchte. Sein Witz: „Haushalt? Nein, das lehnt mein Körper ab. Ich kann nur Rührei.“
Wäsche waschen, kochen, putzen, den Haushalt in Schuss halten – alles Neuland für den geistig fitten, aber körperlich eingeschränkten Horst. Diese Aufgaben übernimmt Max, neben seinem Job als Geschäftsführer der Miss Germany Studios. Er sagt: „Ich kümmere mich um seine Körperpflege und dass er gepflegt aussieht. Dazu kommt etwa Handtücher und Bettwäsche wechseln. Und ich koche des Öfteren für Opa. Ebenso wichtig: für ihn da zu sein. Wir schnacken ganz viel und schauen am Wochenende zusammen Fußball. Opa ist großer Fußballfan. Er war 30 Jahre Stadionsprecher in der zweiten Bundesliga.“
Bequem zurückgelegt schauen die Männer jedes Wochenende gemeinsam Fußball – Max ist Bayern-Fan, Horst liebt Werder Bremen.
Und wie viel Zeit verbringen die beiden miteinander? Horst zählt auf: „Wir essen unter der Woche so zwei- bis dreimal gemeinsam zu Mittag. Samstags gehen wir zum Wochenmarkt und haben dann ein spätes Frühstück. Nachmittags schauen wir Fußball. Und jeden Sonntag gehen wir mit meinen Freunden Manfred und Hannelore auswärts essen.“ Überdies verbringen die beiden mehrfach im Jahr gemeinsame Tage in ihrem Ferienhaus auf Wangerooge.
„Ich habe Geduld mit Opa gelernt“
Die Vorteile des gemeinsamen Wohnens für Opa Horst liegen auf der Hand. Aber wie sieht es bei Enkel Max aus? Oder anders gefragt: Würde er anderen Menschen in seinem Alter empfehlen, mit einem Großelternteil zusammenzuziehen?
„Ja, ich habe zwei wichtige Sachen gelernt. Erstens Geduld. Ich muss mich Opa im Tempo anpassen, weil es körperlich einfach nicht schneller bei ihm geht. In einer Welt, die sich immer schneller und schneller zu drehen scheint, tut es gut, Tempo herauszunehmen. Außerdem lebe ich mit Opa weniger am Handy. Ich starre für den Job ständig auf den einen oder anderen Bildschirm. Mit Opa sitze ich einfach zusammen. Wir quatschen. Er gibt mir Rat, Lebensweisheiten aus einer anderen Ära, die wertvoll für mich sind.“
Der eher ruhige Max und der Lebemann Horst verbringen auch den Urlaub gemeinsam auf Wangerooge.
„Mich gibt es nur mit Opa“
Opa Horst ist dankbar und glücklich – für seine 63 Jahre, die er mit Hille gemeinsam durchs Leben ging. Und für seinen Enkel. Aber hofft Max selbst nicht auf auch seine große Liebe? Oder anders gefragt: Ist die Zeit bei Horst eine Übergangslösung, bis er die Frau fürs Leben kennengelernt hat? „Nein“, antwortet Max glasklar. „Ich wohne hier und kümmere mich um Opa, solange er hier lebt. Jede Frau muss wissen: Sie bekommt mich nur im Doppelpack mit Opa.“
Denn seine Großeltern haben sich immer viel um ihn gekümmert. „Als Kind habe ich Fußball gespielt, und Opa hat uns zu jedem Auswärtsspiel gefahren. Oma hat mir bei den Hausaufgaben geholfen. Jetzt ist es an mir, etwas zurückzugeben.“



