Emma Griffiths (55) trank mehr als zehn Flaschen Wein pro Woche – und das, obwohl sie nach außen hin ein normales Leben führte. Mehrere Versuche, ihren Alkoholkonsum zu reduzieren, scheiterten. Heute ist die Britin seit über drei Monaten trocken. Möglich machte das ein Medikament: Naltrexon, eine kleine Tablette, die das Verlangen nach Alkohol dämpft. In Deutschland wird dieses Mittel jedoch nur selten verschrieben.
Von der Abhängigkeit zur Abstinenz
Emma Griffiths trank jeden Abend Wein, um nach einem stressigen Tag zu entspannen. Was als Genuss begann, wurde zur Abhängigkeit. In Deutschland sind schätzungsweise 2,2 Millionen Menschen alkoholabhängig. Die zweifache Mutter schaffte es schließlich, trocken zu werden – mit Naltrexon. „Ich glaube, ich bin jetzt an einem Punkt angelangt, an dem ich nie wieder Alkohol trinken möchte“, zitiert die „Daily Mail“ die 55-Jährige. Ihr letztes Glas Alkohol trank sie am 8. Januar. Seither ist sie abstinent.
Wie Naltrexon wirkt
Dr. Karsten Wolff (61), Chefarzt am Zentrum für Psychosoziale Gesundheit der Sanakliniken Niederlausitz, erklärt die Wirkungsweise: „Naltrexon greift direkt im Belohnungssystem des Gehirns an. Es blockiert bestimmte Andockstellen, die sogenannten Opioidrezeptoren. Diese sind dafür verantwortlich, dass Alkohol als besonders angenehm empfunden wird und das typische ‚High‘-Gefühl oder Entspannung auslöst.“ Durch die Blockade wirke Alkohol weniger belohnend, wodurch das Verlangen nach dem nächsten Glas nachlassen kann. Die wissenschaftliche Evidenz für die Wirkung ist laut Dr. Wolff gut, aber die Effekte sind moderat. „Naltrexon ist ein wirksames, gut untersuchtes Medikament – vor allem zur Reduktion von Rückfällen in starkes Trinken. Es hilft nur wenigen, für immer trocken zu bleiben. Aber vielen Betroffenen kann es helfen, den Alkoholkonsum besser zu kontrollieren“, so der Experte. Ein Fall wie der von Emma Griffiths ist demnach eher die Ausnahme. „Die Erwartungen sollten realistisch bleiben: Naltrexon ist kein Wundermittel, sondern ein Baustein unter vielen.“ Dennoch wäre es sinnvoll, diesen Baustein in der medizinischen Versorgung häufiger zu nutzen.
Kaum verordnet trotz guter Wirksamkeit
Obwohl die Wirksamkeit von Naltrexon nachgewiesen ist, wird es in Deutschland nur selten eingesetzt. „Nach einem stationären Aufenthalt wegen Alkoholabhängigkeit bekommen weniger als ein Prozent der Betroffenen dieses Medikament“, bedauert Dr. Wolff. Zum Vergleich: In den USA erhalten etwa 10 bis 20 Prozent der Alkoholsüchtigen Naltrexon als Rückfallprophylaxe. „Wir haben in Deutschland eine besonders ausgeprägte Unterversorgung“, so der Chefarzt. Dabei sind die Nebenwirkungen des Medikaments eher mild: Übelkeit, Kopfschmerzen, Schwindel oder Schlafstörungen können auftreten, in seltenen Fällen auch Leberschäden. Warum wird Naltrexon in Deutschland dennoch so wenig genutzt? Laut Dr. Wolff kennen viele Ärzte die Empfehlungen zu Naltrexon nicht oder können sie im Praxisalltag nur schwer umsetzen. Hinzu kommt, dass viele Betroffene gar nicht erst Hilfe suchen oder Behandlungen abbrechen. Dabei könnte Naltrexon vielen Menschen helfen, ihren Alkoholkonsum zu reduzieren oder ganz darauf zu verzichten.



