Vielleicht kennen Sie das Gefühl: Morgens läuft alles rund, am Nachmittag lässt die Energie nach. Laut Urologe Dr. Christoph Pies steckt dahinter kein Zufall, sondern – im Fall von Männern – ein klarer biologischer Tagesrhythmus beim Hormon Testosteron.
Der tägliche Testosteron-Takt
Einen festen 28-Tage-Zyklus wie bei Frauen gibt es zwar nicht. Trotzdem schwankt der Hormonspiegel messbar – vor allem im Laufe eines Tages. „Der wichtigste Rhythmus ist der tägliche (zirkadiane) Verlauf“, erklärt Pies. Morgens ist Testosteron am höchsten, abends am niedrigsten.
„Testosteron erreicht in den frühen Morgenstunden seinen Höchstwert und sinkt im Laufe des Tages kontinuierlich ab, mit den niedrigsten Werten am Abend und in der Nacht. Dieser 24-Stunden-Rhythmus beeinflusst Energie, Leistungsfähigkeit, Motivation, Stimmung und sogar die soziale Dynamik deutlich stärker als andere Schwankungen“, erläutert der Fachmann. Am höchsten ist das Testosteronlevel zwischen 6 und 8 Uhr. Viele Männer sind dann besonders wach, fokussiert und leistungsfähig. Auch Motivation und körperliche Kraft können erhöht sein. Im Laufe des Vormittags bleibt das Niveau relativ stabil, sinkt aber langsam. Die Folge: eine Phase mit guter Konzentration und konstanter Produktivität. Am Nachmittag fällt der Spiegel weiter ab. Häufig zeigen sich dann weniger Energie, nachlassende Konzentration und teils erhöhte Reizbarkeit. Laut Experte ist das kein individuelles Problem, sondern Teil des natürlichen Rhythmus. Abends erreicht Testosteron seinen Tiefpunkt. Der Körper schaltet auf Erholung um, Müdigkeit nimmt zu. In der Nacht beginnt der Spiegel wieder zu steigen – vor allem während des Tiefschlafs.
Was die Schwankungen beeinflusst
Wie stark die Testosteron-Schwankungen ausfallen, hängt von mehreren Faktoren ab. Schlaf spielt eine zentrale Rolle, da ein großer Teil des Testosterons nachts gebildet wird. Zu wenig oder schlechter Schlaf kann den Spiegel deutlich senken. Auch Stress wirkt direkt: Das Hormon Cortisol kann die Testosteronproduktion hemmen. Bewegung, Ernährung und Körperfettanteil beeinflussen den Hormonhaushalt ebenfalls. Sowohl starkes Übergewicht als auch Untergewicht können ihn stören. Zusätzlich gibt es kleinere kurzfristige Schwankungen, etwa durch Belastung oder Jahreszeiten. Letztere sind wissenschaftlich jedoch nicht eindeutig belegt.
Kein „männliches PMS“
Immer wieder ist von einem „männlichen PMS“ die Rede. Medizinisch ist das nicht definiert. Stimmungsschwankungen oder Antriebslosigkeit lassen sich meist nicht auf einen festen Zyklus zurückführen, sondern eher auf Stress, Schlafmangel oder einen niedrigen Testosteronspiegel.
Zusammengefasst gilt: Männer haben keinen klassischen Zyklus, der mit dem von Frauen vergleichbar wäre. Aber sie haben einen klaren biologischen Takt, der den Alltag spürbar prägt.



