40 Jahre nach Super-GAU: Dieses Ehepaar überlebte Tschernobyl, jetzt fürchtet es Putins Bomben
Oleksij Ananenko wurde als Held gefeiert, als er vor 40 Jahren Teil eines Teams war, das bei der Reaktor-Katastrophe von Tschernobyl beherzt handelte. Jetzt leben er und seine Frau Walentyna in Kyjiw, ständig in Angst vor russischen Angriffen. Von Birgit Großekathöfer
Oleksij Ananenko ist ein in Deutschland weitgehend unbekannter Held. Der damals 26-jährige Ingenieur verhinderte vor 40 Jahren kurz nach dem GAU im Atomkraftwerk Tschernobyl vermutlich eine zweite, noch verheerendere Explosion.
Walentyna Ananenko, seine Ehefrau, erinnert sich: „Mein Mann Alexei Ananenko öffnete ein Ventil. Am Rauschen des fließenden Wassers erkannten sie, dass sie ihre Aufgabe erfüllt hatten. Dann kehrten sie an ihre Arbeitsplätze zurück und arbeiteten bis zum Ende ihrer Schicht weiter.“
Das Dreier-Team um Oleksij Ananenko bekam den Spitznamen „Tschernobyl-Taucher“. In einfacher Schutzausrüstung wateten sie in die überschwemmten Keller des Reaktorblocks, um Ventile zu öffnen. In radioaktiv verseuchten Gängen riskierten die drei Männer ihr Leben. Ihr Einsatz war erfolgreich, doch die Strahlenbelastung war enorm.
Heute lebt der an Demenz erkrankte Ananenko mit seiner Ehefrau in Kyjiw. Seit Russlands Angriffskrieg auf die Ukraine leben sie in ständiger Angst. Walentyna Ananenko berichtet: „Vor kurzem gab es wieder Alarm in der Nacht, und wieder gab es Beschuss. Man hat keine Kontrolle mehr über seinen Körper, über seinen Verstand, denn man empfindet nur noch eines – Angst.“
Im November 2025 wurde der Wohnblock, in dem die Ananenkos wohnen, von einer russischen Drohne getroffen. Hier hatten viele ehemalige Tschernobyl-Arbeiter und ihre Familien ein neues Zuhause gefunden. Doch einige Wohnungen wurden bei dem Luftangriff zerstört. „Hier wohnt natürlich niemand mehr, denn hier kann man unmöglich leben“, sagt Walentyna.
Immer wieder besucht Walentyna die nahegelegene Gedenkstätte für die Helden von Tschernobyl, ohne ihren Mann. Er kann die Wohnung nicht mehr verlassen. Sie vergleicht die beiden Gefahren: „Wenn man es mit dem Krieg vergleicht: Man spürt die Explosionen, wenn sie losgehen. Aber Strahlung spürt man nicht. Trotzdem beeinträchtigt sie die Gesundheit. Sie hinterlässt Spuren, egal was passiert. Sie wirkt sich auf das Nervensystem aus.“
Walentyna lebt heute mit neuer Angst und alten Wunden. Während sich Tschernobyl in diesen Tagen zum 40. Mal jährt, geht der Krieg in der Ukraine unvermindert weiter. Die Geschichte des Ehepaars zeigt, wie die Schrecken von damals und die Bedrohung von heute miteinander verwoben sind.



