BILD-Reporter erinnert sich: Meine Kindheit im Schatten von Tschernobyl
Meine Kindheit im Schatten von Tschernobyl

Am 26. April 1986 ereignete sich im Atomkraftwerk Tschernobyl die schwerste Nuklearkatastrophe der Menschheitsgeschichte. BILD-Reporter Dimitri Soibel, damals fünf Jahre alt, erinnert sich an seine Kindheit im Schatten dieses Unglücks. Er lebte mit seiner Familie in Kiew, nur 130 Kilometer vom Reaktor entfernt.

Die unsichtbare Gefahr

Die Gefahr war weder sichtbar noch riech- oder schmeckbar. Doch sie verbreitete sich rasend schnell. Der Wind trug die radioaktiven Partikel weit weg vom Kraftwerk. Bereits zwei Tage nach dem Super-GAU in Reaktorblock 4 wurden im 1200 Kilometer entfernten Schweden erhöhte Strahlungswerte gemessen. Die 2,6 Millionen Einwohner Kiews ahnten zunächst nichts. Im sowjetischen Fernsehen, zu dem Kiew damals gehörte, gab es keine Warnung. Erst am Abend des 28. April, mehr als 60 Stunden nach der Katastrophe, erfuhren Soibels Eltern aus ihrem Schwarzweiß-Fernseher von einem Unfall. Über die Folgen für die Bevölkerung blieb man weiterhin im Unklaren.

Die Parade trotz der Gefahr

Am 1. Mai fand trotz der bereits stark erhöhten Strahlenwerte in Kiew die traditionelle Parade zum Tag der Arbeit statt. Die sowjetische Führung wollte eine Panik vermeiden. Soibel erinnert sich an den sonnigen Tag, an dem er mit seinen Eltern in die Innenstadt spazierte. Erst später erfuhren sie, dass die Strahlungswerte in Kiew bereits am 30. April deutlich angestiegen waren.

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Das Leben nach der Katastrophe

In den folgenden Tagen sickerten nach und nach Informationen durch. Die Menschen begannen zu begreifen, welche Tragweite die Katastrophe hatte. Soibel saß vor dem Fernseher, während ein Nachrichtensprecher mit Hornbrille immer schlimmere Mitteilungen verlas. Eines Morgens im Kindergarten erklärten die Erzieher, dass von Sonnenstrahlen nun eine Gefahr ausgehe. Die Kinder durften nicht mehr draußen spielen, die Gardinen wurden zugezogen, die Räume abgedunkelt. Niemand wusste, wie man sich bei Radioaktivität verhalten sollte. Soibels Mutter holte ihn mit einem Regenschirm ab, obwohl die Sonne schien. Als sie hörte, dass Staubpartikel radioaktive Strahlung binden könnten, putzte sie täglich die Wohnung. Jeden Tag fuhren Räumfahrzeuge durch Kiew und besprühten die Straßen mit Wasser.

Flucht nach Moskau

Die Straßen waren gespenstisch leer. Die Züge aus der Stadt waren überfüllt. Auch Soibels Eltern wollten weg, doch ihre Arbeitgeber gaben ihnen nicht frei. Mit viel Mühe besorgten seine Großeltern am 7. Mai Zugtickets nach Moskau. Soibel fuhr mit ihnen zu einer Cousine seines Großvaters und blieb fünf Monate lang bei ihr in der Hauptstadt. Dann kehrte er nach Kiew zurück. Die Gefahr durch die Radioaktivität, so hieß es, werde noch über Jahrhunderte bleiben. Sie sei nun Teil ihres Lebens.

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