Sexualerziehung in Sachsen-Anhalt: Jugendliche werden später aktiv
Sexualerziehung: Jugendliche werden später aktiv

Neue Zahlen zeigen: Schule und Eltern sind bei der Sexualaufklärung wieder wichtiger – doch ausgerechnet bei diesem sensiblen Thema wächst der Widerstand in manchen Familien. In Sachsen-Anhalt wird die Debatte besonders intensiv geführt.

Jugendliche werden später sexuell aktiv

Laut der 10. Welle der Studie „Jugendsexualität“ des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit gaben 2019 noch 61 Prozent der 17-Jährigen an, bereits sexuelle Erfahrungen gemacht zu haben. Im vergangenen Jahr waren es nur noch 40 Prozent. „Die Mehrheit der jungen Menschen in Deutschland wird heute deutlich später als frühere Generationen sexuell aktiv“, sagt Projektleiterin Sara Scharmanski. Gleichzeitig sind Lehrkräfte und Eltern die wichtigsten Ansprechpartner im Kontext sexueller Bildung. Der Schulunterricht habe als Quelle im Vergleich zu 2019 um gut zehn Prozentpunkte zugelegt.

Sexuelle Bildung beginnt im Kindergarten

Sexualpädagogin Claudia Riemann arbeitet in der Diakonie Zerbst im Landkreis Anhalt-Bitterfeld. Sie bietet altersgerechte Angebote zur Sexualaufklärung für Kitas und Schulen an. „Körper und Gefühlswahrnehmung sind in jeder Lebensphase von Geburt an wichtig“, sagt sie. Im Vorschulalter gehe es um Geschlechterrollen, Vielfalt in Familienkonstellationen und Wissen über den eigenen Körper. Die Entstehung des Menschen könne spielerisch erklärt werden, etwa mit Bausteinen für Ei- und Samenzelle. „Wenn Eltern ein dreijähriges Kind haben und die Mama schwanger ist, dann muss ich erklären, wie das Kind in den Bauch gekommen ist“, so Riemann.

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Sexualerziehung in der Schule

In der Schule wird das Thema vertieft. Der Runderlass zur Sexualerziehung des Bildungsministeriums Sachsen-Anhalt besagt: „Sexualerziehung als Erziehung zu selbstbestimmtem und verantwortlichem gesellschaftlichen Verhalten muss in Zusammenarbeit mit den Eltern auch von der Schule übernommen werden.“ Vermittelt werden Kenntnisse über körperliche Entwicklung, Verhütung, sexuell übertragbare Krankheiten, Pornografie und sexualisierte Gewalt. Das Thema wird fächerübergreifend behandelt.

Widerstand gegen Frühsexualisierung

Nicht alle Familien sind begeistert. Riemann berichtet von Eltern, die ihre Kinder wegen der Sexualpädagogik von der Schule nehmen wollen und ihre Materialien als „Sexvideos“ bezeichnen. Ablehnung komme teils sogar von Pädagogen. Der Begriff „Frühsexualisierung“ werde genutzt, um Stimmung gegen sexuelle Bildung zu machen, sagt Sara Scharmanski. Dabei gebe es keine wissenschaftliche Evidenz für diesen Begriff. Internationale Studien belegen die Wirksamkeit von Sexualaufklärung bereits im Grundschulalter.

Kindliche Sexualität ist anders

„Erwachsene machen den Fehler, ihre eigene Sexualität mit der von Kindern gleichzusetzen“, erklärt Riemann. Kindliche Sexualität sei spontan, unbefangen und nicht zielgerichtet. Kinder entdecken ihren Körper spielerisch, suchen angenehme Gefühle und Sicherheit – ohne den beziehungs- oder leistungsorientierten Kontext der Erwachsenenwelt.

Sexuelle Bildung als Prävention

Sexuelle Bildung ist auch Prävention gegen sexualisierte Gewalt. Riemann betont die Bedeutung korrekter Bezeichnungen wie „Vulva“ und „Penis“: „Die richtige Bezeichnung ist wichtig, um klar definieren zu können, falls inkorrekte Handlungen geschehen.“ Fehlen Kindern die Begriffe, führt das später zu Sprachlosigkeit in der Sexualität, unzureichender Benennung von Bedürfnissen und mangelndem Körpergefühl.

Herausforderungen durch soziale Medien

Kinder und Jugendliche haben heute einen enormen Theorievorsprung durch soziale Medien. „Die wissen, wie Sex funktioniert“, sagt Riemann. Grundschulkinder mit Smartphones schickten sich Pornosclips, was zu einem verzerrten Bild von Sexualität führe. „Jugendliche wachsen mit einem Performancedruck auf, der einer sinnlichen und selbstbestimmten Sexualität zuwiderläuft.“ Hier gelte es, ins Gespräch zu kommen und einzuordnen.

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Geschlechtskrankheiten auf dem Vormarsch

Sexuelle Bildung sei auch wegen Geschlechtskrankheiten unverzichtbar. „Wenn wir über Verhütung sprechen, kommt als Grund meist: Um kein Baby zu bekommen. Geschlechtskrankheiten kennen die meisten nicht“, sagt Riemann. Laut Deutschem Ärzteblatt erreichte Syphilis 2024 mit rund 9.500 Fällen einen Höchststand, Chlamydien verzeichnen 300.000 Neuerkrankungen pro Jahr. „Sexuelle Bildung ist Prävention“, resümiert Riemann.

Befreiung vom Unterricht nicht möglich

Eltern können ihre Kinder in der Regel nicht von der Sexualerziehung in der Schule befreien. Das Bildungsministerium Sachsen-Anhalt verweist auf den Runderlass: Schulen müssen Eltern informieren und sich abstimmen. In Einzelfällen könnten individuelle Wege gefunden werden, „ein völliger Verzicht auf die Vermittlung der Inhalte ist hingegen nicht eröffnet“.