Mit viel Disziplin und durch den Zuspruch ihrer Familie und Freunde entschied sich Nele Wille aus Güstrow dazu, ihre Notizen von einem aufregenden Aufenthalt in einem Krankenhaus in Ghana und in einem Natur- und Wildtierschutzprojekt in Südafrika aufzuschreiben. Daraus entstand das Reisetagebuch „blauäugig nach Afrika“. Hans-Jürgen Kowalzik sprach mit der 22-jährigen Medizinstudentin über ihre Erlebnisse.
Wie kam es zu dieser außergewöhnlichen Reise?
Während ihrer Ausbildung zur Rettungssanitäterin lernte Nele Kollegen kennen, die bereits Freiwilligenarbeit in Afrika geleistet hatten. Ihre Erzählungen weckten in ihr die Begeisterung für eine solche Reise. Sie entschied sich, in Ghana in einem Krankenhaus zu arbeiten, da sie Medizin studieren wollte. Gleichzeitig ist sie sehr naturverbunden, weshalb der zweite Teil ihrer Reise nach Südafrika führte. Auch dort wollte sie nicht die typischen Touristenausflüge unternehmen, sondern sich in einem Natur- und Wildschutzprojekt nützlich machen.
Wie liefen die Vorbereitungen ab?
Nele ging unvoreingenommen an die Reise heran und informierte sich lediglich über die Einreisebestimmungen und die Hinweise des Auswärtigen Amtes. Ihr Motto lautete: „Ich nehme die Dinge, wie sie kommen – blauäugig.“ Sie strahlte eine Leichtigkeit aus, die ihren Eltern einige Nerven abverlangte.
Hatten die Bedenken ihrer Eltern Berechtigung?
Im Nachhinein kann man sagen: Ja. Denn als sie im Flugzeug saß und 18 Stunden vor sich hatte, bevor sie in Accra, der Hauptstadt Ghanas, landete, kamen die Bedenken auf. Es war das erste Mal, dass sie allein unterwegs war. Fragen schossen ihr durch den Kopf: Was wird sein, wenn etwas schiefgeht? Wie komme ich mit den Menschen klar? Damals wusste sie noch nicht, dass viele herzliche Begegnungen und eine interessante Arbeit auf sie warteten – aber auch Momente, in denen sie teilweise überfordert war.
Der erste Arbeitstag im Krankenhaus – Was bleibt in Erinnerung?
Die strikte Kleiderordnung war eine große Umstellung. Da sie sich in einem muslimischen Viertel befanden, war lange Hose Pflicht, obwohl es sehr warm war. Die Kleidung musste zudem per Hand gewaschen werden – das war gewöhnungsbedürftig. Den ersten Schock erlebte Nele jedoch auf dem Weg zur Klinik. Ein 40-jähriger Mann packte sie aggressiv und erklärte ihr unmissverständlich, dass sie ihn heiraten solle. Erst als Richie, ebenfalls ein Freiwilliger, dazwischenging, ließ er von ihr ab. Besonders krass fand sie, wie das Gesundheitssystem funktioniert – oder besser gesagt, wie es nicht funktioniert. Das trifft vor allem die Armen. Obwohl es seit 2003 eine staatliche Krankenversicherung gibt, gewährleistet diese nur eine unzureichende Behandlung. Ein großes Problem ist, dass alle Leistungen im Voraus bezahlt werden müssen; ansonsten wird nicht behandelt. In Notfallsituationen entscheidet das über Leben und Tod – für Europäer unvorstellbar.
In welchen Bereichen der Klinik hat Nele gearbeitet?
Sie war in allen Bereichen tätig: Innere Medizin, Kardiologie, Pulmologie, Kindermedizin, und sie war bei vielen Geburten und Operationen dabei. In Ghana wird nicht strikt nach Fachrichtungen getrennt; alles ist irgendwie eins.
Welche Erlebnisse waren besonders unbegreiflich?
Ein Beispiel: Sterile Tupfer mussten aus Watte hergestellt werden, ohne dass man sich vorher die Hände wusch – das ist dort nicht üblich. Unglaublich. Sehr berührt hat Nele, dass Geburten wenig emotional ablaufen. Das schlimmste Erlebnis war, als ein totgeborenes Kind einfach in einem Pappkarton entsorgt wurde. Diese Bilder gehen ihr bis heute nicht aus dem Kopf.
Was hat Nele in ihrer Freizeit unternommen?
Die Wochenenden nutzte sie für Ausflüge, um das Land kennenzulernen. Beeindruckt hat sie ein Gottesdienst, der sehr familiär war und in dem deutlich wurde, dass in Ghana mehr in die Kirche als ins Gesundheitswesen investiert wird. Außerdem belegte sie einen Surf-Kurs, kam aber über die Anfänge nicht hinaus. Oft waren sie zum Tanzen in einer Bar.
Von Ghana nach Südafrika – Welche Aufgaben hatte Nele im Natur- und Wildschutzprojekt?
In Hoedspruit im Greater Nationalpark nahm sie an einem Forschungsprojekt teil, bei dem der Tierbestand erfasst wurde. Zudem bauten sie Zement-Pyramiden, um die Marula-Bäume – auch Elefantenbäume genannt – vor den Elefanten zu schützen.
Was bleibt von dieser Reise für ihre weitere Ausbildung und ihr Leben?
Die Reise hat Nele reifer gemacht. Sie ist an ihr und mit ihr gewachsen und erwachsener geworden. Bei der sehr praktischen Arbeit in Ghana sammelte sie viele wertvolle Erfahrungen, die sie bestärkt haben, das Medizinstudium zu beginnen. In Hoedspruit erlebte sie unbeschreibliche Momente und fühlte sich im absoluten Einklang mit der Natur. Zurück in Deutschland spürte sie, wie sehr Afrika sie verändert hatte. Der hektische Alltag traf auf ihre neu gewonnene innere Ruhe. Doch getrieben von der deutschen Gesellschaft kehrte sie schneller als gedacht in alte Gewohnheiten zurück.
Das Reisetagebuch „blauäugig nach Afrika – Ghana und Südafrika“ von Nele Wille ist unter der ISBN 978-3-6951-3184-6 erhältlich.



