Eine 38-jährige Assistenzärztin muss sich seit Montag vor dem Amtsgericht Tettnang wegen fahrlässiger Tötung verantworten. Ihr wird vorgeworfen, im September 2023 einen Schädelbruch und eine Gehirnblutung bei einem 18-jährigen Patienten nicht erkannt zu haben. Der junge Mann starb vier Stunden nach seiner Einlieferung in die Notaufnahme des Medizin Campus Bodensee in Friedrichshafen.
Lebensgefährliche Verletzung übersehen
Kai W. war nach einem Sturz vom Fahrrad stark alkoholisiert in die Klinik gebracht worden. Äußerlich war nur eine leichte Schramme am Kopf zu sehen. Die diensthabende Ärztin Brooke V. ordnete keine Röntgenaufnahme oder Computertomografie (CT) an, obwohl der Patient über starke Unruhe klagte. Stattdessen spritzte sie ihm ein blutdrucksenkendes Mittel, für das es nach Ansicht der Staatsanwaltschaft keine medizinische Indikation gab.
Angeklagte fühlt sich überfordert
Vor Gericht äußerte die gebürtige Peruanerin ihr Bedauern über den Tod des Jugendlichen, wies die Schuld jedoch von sich. Sie erklärte, dass sie in jener Nacht allein für 30 Patienten zuständig gewesen sei. Weder die Intensivstation noch die Normalstation hätten den jungen Mann übernehmen wollen. In der Notaufnahme sei eine dauerhafte Überwachung nicht möglich gewesen. Ihr Verteidiger Dr. David Herrmann betonte die außergewöhnliche Belastungssituation.
Staatsanwalt wirft grobe Pflichtverletzung vor
Staatsanwalt Martin Hengstler (55) wirft der Fachärztin für Unfallchirurgie vor, medizinische Standards grob missachtet zu haben. Ein CT sei zwingend erforderlich gewesen, um eine Schädelfraktur oder ein Hirnödem auszuschließen. Der Sachverständige Prof. Dr. Sebastian Kunz (46), Leiter der Ulmer Rechtsmedizin, bestätigte: „Es steht im Lehrbuch, dass bei jedem Sturz-Patienten ein CT gemacht wird.“ Zudem kritisierte er, dass unklar geblieben sei, ob die Symptome auf den Sturz oder die Alkoholisierung zurückzuführen waren. Er verwies auch auf ein mögliches Organisationsversagen, falls kein Oberarzt für Rückfragen zur Verfügung gestanden habe.
Klinik-Skandal weitet sich aus
Der Fall ist Teil einer Serie von Missständen am Medizin Campus Bodensee. Die ehemalige Oberärztin Dr. Elke Küßner (†46) hatte wiederholt auf die Überlastung von Ärzten und Pflegern hingewiesen. Nach ihrer Entlassung durch die Geschäftsleitung nahm sie sich noch am selben Tag das Leben. Die Staatsanwaltschaft Ravensburg ermittelt mittlerweile gegen weitere frühere Klinikmitarbeiter wegen fahrlässiger Tötung, unterlassener Hilfeleistung und Abrechnungsbetrugs.
Urteil am 4. Mai erwartet
Das Gericht will sein Urteil am 4. Mai verkünden. Die Angeklagte hatte gegen einen Strafbefehl über 41.250 Euro (330 Tagessätze) Einspruch eingelegt. Im Falle einer Verurteilung droht ihr der Entzug der ärztlichen Zulassung.



