Seit dem Morgen schwimmt Buckelwal „Timmy“ wieder frei in der Nordsee. Die Retter waren erleichtert, als sie ihn am Horizont noch ein paar Fontänen ausstoßen sahen, bevor er wieder abtauchte. Zum ersten Mal seit 39 Tagen ist der Wal wieder im offenen Meer unterwegs. Doch das bedeutet nicht, dass er gerettet ist. BILD erklärt die fünf größten Gefahren, denen Timmy jetzt ausgesetzt ist.
1. Erschöpfung und Organversagen
Das größte Risiko für Timmy ist sein eigener Gesundheitszustand. Wochenlang lag der Wal im flachen Wasser der Ostsee, sein Zustand verschlechterte sich immer wieder. Die Rettungsaktion und die Strandung an der deutschen Küste haben ihn stark geschwächt. Nach so einer langen Belastung kann schon die Weiterwanderung in Richtung Atlantik zu viel sein.
2. Hautschäden durch die Ostsee
Laut Gutachten des Deutschen Meeresmuseums und der ITAW leidet Timmy an Seepocken und großflächigen, blasenartigen Hautveränderungen. Gesunde Buckelwalhaut ist schwarz, glatt und glänzend – Timmys Haut wirkt krank und grau. Die lange Zeit in der salzarmen Ostsee hat seine Haut zusätzlich angegriffen. Walforscher Fabian Ritter betont, dass vor allem unentdeckte Verletzungen im Maulbereich eine offene Frage seien. Der Salzgehalt der Nordsee sei dagegen passend und unterscheide sich kaum vom Nordatlantik.
3. Erneute Verhedderung in Fischernetzen
Die National Oceanic and Atmospheric Administration warnt: Fischernetze führen bei Walen zu Verletzungen, Infektionen und eingeschränkter Bewegung. Timmy hat sich bereits früher in Netzen verfangen. Die Gefahr einer erneuten Verhedderung ist real.
4. Kollisionen mit Schiffen
Nach der Freilassung befindet sich Timmy in stark befahrenen Gewässern. Die Internationale Walfangkommission (IWC) stuft Schiffskollisionen als ernstes Risiko ein. Für einen geschwächten Wal ist diese Gefahr besonders hoch. Meeresbiologe Thilo Maack von Greenpeace kritisierte die Rettungsaktion scharf: „Am Ende dieses umstrittenen Rettungsversuchs findet sich ein todkrankes Wildtier lediglich an einem anderen Ort“, sagte er dem SPIEGEL. Timmy sei in einer der meistbefahrenen Schiffsrouten Europas freigelassen worden – seine Überlebenschancen seien minimal.
5. Orientierungsprobleme und erneute Küstennähe
Timmy war bereits mehrfach in flachen Bereichen gestrandet. Auch nach der Aussetzung ist nicht sicher, dass er direkt den Weg ins offene Meer findet. Walforscher Ritter hofft, dass Timmy seinem natürlichen Wanderverhalten folgt und nach Norden in arktische Gewässer zieht, wo er Nahrung wie Krill und kleine Fische findet. „Da kennt er sich ja aus, er hat schon ein paar Jahre auf dem Buckel“, so Ritter. Sobald er Kontakt zu Artgenossen aufnimmt, habe er auch Orientierung. Die Rettung sei erst beendet, wenn der Buckelwal in der Arktis ankomme und sich dort vollfresse.
Ein entscheidender Faktor sei, ob Timmy eigenständig Nahrung aufnimmt. Ritter ist gespannt auf die Daten des Senders, die Aufschluss über Schwimmrichtung, Atemfrequenz und Tauchverhalten geben. Er kritisiert, dass diese Daten von der Initiative nicht öffentlich zugänglich gemacht werden. Auch Greenpeace fordert die Veröffentlichung.
Kritik an der Rettungsaktion
Der Meeresbiologe und Tierschützer Ritter sieht die Maßnahmen der vergangenen Tage kritisch. Der Wal habe während der Bergung keine natürliche Bewegungsfreiheit gehabt und sei starkem Stress ausgesetzt gewesen – durch Lärm, Schiffsbewegungen und Enge. Besonders problematisch sei der Versuch gewesen, ein Seil um die Schwanzfluke zu legen, um den Wal herauszuziehen. „Das war ein absolutes No-Go bei der Walrettung“, so Ritter. „Da ist die Regel Nummer eins: Ziehe niemals einen Wal oder Delfin an der Schwanzfluke.“ Die Fluke ist nicht knöchern und über Gewebe mit der Wirbelsäule verbunden – hier bestehe ein hohes Verletzungsrisiko.
Für Ritter ist es eine große Überraschung, Timmy seit dem Vormittag in Freiheit zu sehen. „Es ist schier unglaublich, dass der Wal jetzt in der Nordsee schwimmt“, sagte er.



