Der Münchner Notarzt Jörg Schmid erlebt in diesen heißen Tagen, wie Menschen in überhitzten Wohnungen sterben. „So einen Sommer habe ich noch nie erlebt“, sagt er. Bei seinen Bereitschaftsdiensten findet er ältere Menschen, die alleingelassen in der Hitze dem Tod nahe sind. „Alte Menschen sitzen auf dem Sofa in ihrem Wohnzimmer, in dem teils über 30 Grad sind“, berichtet Schmid dem SPIEGEL. Auf dem Tisch stehe oft nur ein einziger Becher Wasser vom Pflegedienst, der nur einmal täglich komme. „Sie verdursten schleichend“, sagt Schmid. Auch Alleinstehende und psychisch Kranke machten oft einen verlorenen Eindruck. Für einige komme jede Hilfe zu spät. Sein Fazit: „Hitze macht krank, und sie tötet – nur steht das nicht auf dem Totenschein.“
Hitzebedingte Sterbefälle in Deutschland
Jedes Jahr veröffentlicht das Robert Koch-Institut (RKI) die Zahl der „hitzebedingten Sterbefälle“. Errechnet wird sie aus der Übersterblichkeit während heißer Wochen. Im vergangenen Jahr sind demnach an heißen Tagen rund 2500 Menschen mehr gestorben als üblicherweise. In Jahren mit vielen Hitzetagen wie 2018 waren es sogar 9000. Auf dem Totenschein dieser Menschen steht: Schlaganfall, Nierenversagen oder Herzinfarkt – also die Folgen der Hitze. „Wir lassen damit unerwähnt, dass die Menschen an Hitze und damit auch an der Klimakrise gestorben sind“, sagt Schmid.
Klimakrise als Todesursache
Hitzewellen werden durch die Klimakrise weltweit intensiver und länger. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gab es in Deutschland insgesamt nur drei Jahre mit mehr als zehn Hitzetagen (1976, 1994 und 1995). Seit der Jahrtausendwende registrierte der Deutsche Wetterdienst ein Dutzend Sommer mit mehr als zehn Hitzetagen, die meisten davon seit 2015. Der Trend geht eindeutig nach oben. Auch die derzeitige Hitzewelle in Europa ist eine Folge der Erderwärmung. „Der Klimawandel ist eindeutig dafür verantwortlich“, heißt es in einer am Freitag veröffentlichten Studie der internationalen Forschungsgruppe World Weather Attribution (WWA). Die derzeitigen extrem hohen Temperaturen am Tag und in der Nacht seien vor 50 Jahren zu diesem Zeitpunkt im Jahr „praktisch unmöglich“ gewesen, schreiben die Forschenden.
Medikamente bei Hitze: Ein unterschätztes Risiko
Auf die Hitze ist Deutschland kaum vorbereitet, besonders das Gesundheitssystem nicht. Vulnerable Gruppen wie ältere Menschen, chronisch Kranke, aber auch Kinder sind besonders gefährdet. Wenig beachtet sei auch, was sich bei der Einnahme von Medikamenten bei Hitze ändere, sagt Notarzt Schmid. Er habe mehrere Todesfälle in den vergangenen Tagen erlebt, die auf die Wechselwirkung zwischen Pharmazeutika und den Folgen hoher Temperaturen zurückzuführen seien. Ärztin Beate Müller, Leiterin des Instituts für Allgemeinmedizin an der Uniklinik Köln, warnt: „Einige Medikamente verstärken hitzebedingte Risiken, da sie etwa das Schwitzen oder das Durstgefühl beeinträchtigen.“ Gefährdet seien hauptsächlich multimorbide Patienten. „Deren gesundheitliche Risiken durch die Einnahme bestimmter Arzneimittel steigen an Hitzetagen.“
Ein klassisches Beispiel sind laut Müller Blutdrucksenker wie ACE-Hemmer oder Diuretika. „Sie erweitern die Gefäße oder schwemmen Wasser aus.“ Das könne, wenn der Körper ohnehin stark schwitzt und die Gefäße zur Abkühlung weit stellt, zu einem gefährlichen Blutdruckabfall, Schwindel und Kreislaufkollaps führen. Auch der Einsatz von Wirkstoffpflastern, etwa Schmerzpflastern, sei an heißen Tagen riskant. „Bei starker Sonneneinstrahlung oder hoher Umgebungstemperatur wird die Haut deutlich stärker durchblutet“, so Müller. So nimmt der Körper den Wirkstoff schneller auf – im schlimmsten Fall droht eine lebensgefährliche Überdosis.
Bisher ist die Anpassung der Medikamente an Hitze in der Heidelberger Hitzetabelle geregelt. Zusammen mit anderen Medizinern arbeitet Müller an einem Update, der CALOR-Liste, die bald veröffentlicht werden soll. Allerdings können Betroffene damit wenig anfangen – sie sind auf ärztliche Hilfe angewiesen.
Forderungen nach einem Hitzeschutz-Notfallplan
„Ein Großteil der Ärzteschaft ist dafür schlicht noch nicht sensibilisiert“, sagt Notarzt Schmid. Er schlägt vor, für betroffene Patienten einen zweiten Medikationsplan vorzubereiten, der gilt, wenn es mehrere Tage über 30 Grad heiß wird. „Die Patienten könnten sich auch täglich wiegen oder Blutdruck messen, um die Dosierung anzupassen“, sagt er. Das gehe aber nur bei relativ fitten Patienten, die das selbst managen können. Vorstellbar sei auch, dass Ärzte oder medizinisches Fachpersonal ihre Patienten anrufen oder zu Hause besuchen. Auch wenn das „ein riesiger Aufwand“ wäre, räumt Schmid ein, viele Praxen seien überlastet.
Die Ärzte glauben: Es muss sich dringend etwas ändern, um künftig noch mehr hitzebedingte Sterbefälle zu verhindern. Schmid vergleicht die Diskussion mit anderen schweren Krankheiten: „Ältere und vorerkrankte Menschen sterben auch eher an Lungenentzündungen als junge und fitte, trotzdem würde niemand auf die Idee kommen, Erreger von Lungenentzündungen nicht ernst zu nehmen, weil sie eher ältere Menschen umbringen.“ Deshalb müssten Klimakrise und Hitze genauso als Gesundheitsrisiko ernst genommen werden wie Infektionskrankheiten oder Luftverschmutzung.



