Dieter Nuhr hat mit einem Witz über Femizide in seiner Sendung „Nuhr im Ersten XXL“ für heftige Kritik gesorgt. Der Kabarettist empfahl Frauen, ihren Partner „vor dem Geschlechtsverkehr vielleicht einfach erst mal kennenzulernen“, um keinem Frauenmörder zu begegnen. Statt echter Satire betreibe er damit eine gefährliche Täter-Opfer-Umkehr, schreibt Alina Juravel, Redakteurin im Ressort Leben der FUNKE-Tageszeitungen, in einem Kommentar.
Femizide geschehen im vertrauten Umfeld
Femizide – also Tötungsdelikte an Frauen aufgrund ihres Geschlechts – passieren nicht, weil Frauen leichtsinnig fremde Männer mit nach Hause nehmen. Die meisten Taten werden von Partnern oder Ex-Partnern verübt, oft nach Trennungen im eigenen Zuhause. „Genau darin liegt die perfide Logik dieser Gewalt“, betont Juravel. Wer daraus eine Pointe mache, sei nicht witzig, sondern niveaulos. Jährlich werden in Deutschland Hunderte Frauen durch Femizide getötet – allein 2023 waren es laut Bundeskriminalamt 360 Opfer versuchter oder vollendeter Tötungsdelikte durch Partner oder Ex-Partner.
Provokation um jeden Preis?
Nuhr eckt immer wieder mit Grenzüberschreitungen an. Das gehört zu seiner Rolle als Kabarettist. Doch zwischen Provokation und Verharmlosung sei ein schmaler Grat, so die Redakteurin. Wer sich über Mächtige lustig mache, halte der Gesellschaft den Spiegel vor. Wer tödliche Gewalt gegen Frauen als Witzvorlage nutze, trete nach unten. Die Berufung auf die Kunstfreiheit sei in solchen Debatten ein Scheinargument: „Kunstfreiheit schützt vor staatlicher Zensur, nicht vor öffentlichem Widerspruch.“ Niemand dürfe Nuhr den Mund verbieten, aber jeder dürfe feststellen, dass seine Pointe keine mutige Satire, sondern gefährliche Verharmlosung sei – und angesichts der vielen getöteten Frauen jedes Jahr zutiefst respektlos.



