Gianni Infantino kam eine halbe Stunde zu spät. Er machte sich zunächst lustig über den Akzent seines Pressesprechers, dann redete er eine halbe Stunde im Monolog vor sich hin, bevor er die erste Frage zuließ. Ein Auftritt, auf den auch ein gewisser US-Präsident wohl stolz gewesen wäre.
Er sei jedoch nicht der König der Welt, betonte der Fifa-Präsident bei seiner merkwürdigen Pressekonferenz zur Eröffnung der WM am Mittwoch. Laut seiner Darstellung seien er und der Weltverband vielmehr nur wohlmeinende Kleinakteure, deren Hände durch politische Realitäten und fiese Marktkräfte gebunden sind. Das galt für die Einreisebeschränkungen, für den Iran-Krieg, aber insbesondere für die Ticketpreise.
In den vergangenen Monaten hatte die Fifa eine Menge Kritik für ihre Preisgestaltung einstecken müssen. Das Turnier in den USA, Kanada und Mexiko gilt als teuerste WM der Geschichte. Neben den inflationären Preisen beschweren sich viele Fans auch über mangelnde Transparenz bei den Preisstufen und der Sitzplatzverteilung. 32.970 US-Dollar kostet ein Finalticket.
Die Preise der WM-Tickets sind zwar je nach Spiel unterschiedlich und fluktuieren auch ständig mit der dynamischen Preisgestaltung. Sicher ist aber, dass sie teuer sind. Im Mai verkaufte die Fifa ein Ticket für das Finale zum Preis von 32.970 US-Dollar (28.550 Euro). Für das Gruppenspiel zwischen Kolumbien und DR Kongo kosteten die billigsten verfügbaren Karten diese Woche 1665 Dollar.
Infantino gibt Gastgeberländern die Schuld an Ticketpreisen
Die Schuld dafür schob Infantino den Gastgeberländern zu. „Wenn du in einem Land bist, dann musst du mit den dortigen Gebräuchen umgehen“, so der Fifa-Präsident am Mittwoch. Und in Nordamerika koste der Live-Sport eben so viel.
„Unser niedrigster Preis von 60 Dollar ist niedriger als ein Play-off-Spiel in allen amerikanischen Sportarten“, sagte Infantino. Das Gleiche gelte für den Durchschnittspreis, den er bei 500 Euro einschätzte. Auch dieser sei billiger als die Play-offs der US-Ligen. Dabei wies er spezifisch auf die laufende Finalserie der NBA zwischen den New York Knicks und den San Antonio Spurs hin.
Doch stimmt das? Die Zahl von 60 Dollar ist in jedem Fall irreführend: Der Anteil der Karten, die pro WM-Spiel für diesen Preis verfügbar sind, liegt laut einer Analyse von „The Athletic“ bei unter zwei Prozent. Und dennoch ist der Vergleich zur NBA wohl nicht ganz so irre, wie er sich erstmal anhört.
Laut der Webseite ticketdata.com, die Live-Daten zu Eintrittspreisen verschiedener Sportveranstaltungen analysiert, lag der niedrigste Preis für ein Spiel der NBA-Finals am Mittwochabend bei 1258 US-Dollar. Für das Game Six im Madison Square Garden lag der Preis sogar bei 8915 Dollar. Insofern hat Infantino Recht: Man bewegt sich zumindest im gleichen „Ballpark“, wie die Amerikaner sagen würden.
Nur schien er freilich vergessen zu haben, dass diese WM nicht nur in den USA stattfindet. Er selbst saß bei der Pressekonferenz in Mexiko-Stadt. Und spätestens, wenn man die WM mit Sportveranstaltungen in Mexiko vergleicht, fällt Infantinos ohnehin schon fragwürdige und moralfreie Logik auseinander.
Beim Finale der mexikanischen Fußballmeisterschaft zwischen Pumas UNAM und Cruz Azul im vergangenen Monat kosteten die meisten Karten zwischen 15 und 28 Euro. Auch die teuersten VIP-Tickets gingen bei nur 250 Euro in den Verkauf.
„Wer investiert in Südsudan, in Bhutan, in Osttimor oder Vanuatu? Niemand. Wir schon, und zwar dank der Umsätze, die wir generieren.“
– Gianni Infantino, Fifa-Präsident
Zwar gab es auch bei früheren Weltmeisterschaften Aufregung um die astronomischen Preise bei Wiederverkaufsplattformen wie Viagogo, die tatsächlich in die Tausende oder gar Zehntausende von Euros stiegen. Anders als bei der WM waren solche Preise aber eher die Ausnahme als die Regel. Und eben nicht vom Veranstalter gesetzt.
Auch da hatte Infantino aber eine Antwort. Weil der Wiederverkauf in Nordamerika legal sei, würden die meisten Tickets ohnehin dort zu astronomischen Preisen verkauft werden. Wenn die Fifa schon auf Anhieb diese Preise so hochsetzt, dann könne das große Geld immerhin zurück in den Fußball investiert werden.
Was diese Umsätze natürlich auch finanzieren, ist das Gehalt von Gianni Infantino. Dieses liegt laut den eigenen Zahlen der Fifa bei mindestens 2.463.710 US-Dollar pro Jahr. Das wiederum ist knapp die Hälfte von dem, was die Fifa laut den eigenen Zahlen insgesamt in den südsudanischen Fußball investiert hat. Mit Vergleichen ist es also immer so eine Sache.



