Alexander Zverev (29) kam passend gekleidet zum Start der Fußball-WM: in DFB-Trainingsjacke mit Schwarz-Rot-Gold auf der Brust. Der Tennis-Star gab sein erstes großes Interview nach seinem Sieg bei den French Open in Paris, seinem ersten Grand-Slam-Titel. Der Ort des Gesprächs war Herzogenaurach bei Nürnberg, der Hauptsitz seines Ausrüsters. Doch plötzlich klingelte das Handy von Manager Sergey Bubka junior (39): „Der Bundeskanzler ist dran.“ Für diesen Anruf verschob man das Interview gerne ein paar Minuten. Zverev zeigte sich locker, witzig und eloquent und sprach über Tennis, seine Familie und das Gespräch mit Friedrich Merz (70).
Der Moment nach dem Matchball
BILD: Welcher Moment ist Ihnen seit dem Matchball am meisten in Erinnerung geblieben?
Alexander Zverev: Als ich den Pokal zum ersten Mal in den Händen hielt. Das war der Moment, nach dem ich jahrelang gesucht und auf den ich jahrelang gewartet habe. Ihn dann anfassen zu dürfen, war das Schönste. Und ihn meinem Vater, meiner Mutter und meinem Bruder zu geben, genauso. Das ist das Besondere.
Die Familie in der Box
BILD: Die Bilder aus Ihrer Box gingen um die Welt. Wie war der Moment, als Sie zur Familie kamen?
Zverev: Es war klar, dass ich zuerst zu meinem Vater gehe. Wir haben zusammen die meiste Arbeit gemacht. Aber auch der Rest der Mannschaft war über Jahre für mich da. Der Fitnesstrainer seit 2014, Sergey Bubka als Manager seit vielen Jahren, nur der Physio ist neu. Nach zwei Wochen hatte der einen super Einstand. Und mein Bruder ist eh mein Bruder, mein bester Freund. Meine Oma war auch da – es war schön.
Die Partynacht in Paris
BILD: Welche Erinnerungen haben Sie an die Partynacht?
Zverev: Die war super. Ich weiß nicht mehr alles, aber sie war schön. Spaß! Ich erinnere mich noch an vieles. Alle hatten super Laune, sind durchgedreht, so wie es sich gehört.
BILD: Ihre Freundin Sophia Thomalla brachte einen neuen Dackel namens Buba als Geschenk mit. Sie sagten, Sie schlossen ihn sofort ins Herz.
Zverev: Ich wusste, dass sie einen gekauft hat. Sie kam abends an und ist am nächsten Morgen zurück, sodass ich ihn bislang nur ein paar Stunden gesehen habe. Mishka, unser anderer Hund, und Buba haben wir bei meiner Mutter gelassen. Die erzählte mir, sie hätten keine Sekunde geschlafen, weil die beiden Hunde, die ja Geschwister sind, die ganze Nacht durchgespielt haben. Sie verstehen sich.
Geschenke und Hunde
BILD: Vergangenes Jahr schenkten Sie Sophia Mishka, nun schenkte sie Ihnen einen Dackel.
Zverev: Ja, weil Mishka entschied, dass er Herrchens Hund ist. Und da sagte sie, dass sie mir auch einen Hund schenken wird, der dann ihrer wird (lacht).
Dann eine kurze Unterbrechung: Zverev muss sich spritzen. Das führt zur nächsten Frage.
Diabetes als Vorbild
BILD: Sie sind der erste Diabetiker auf dem Tennisthron. Was bedeutet Ihnen das?
Zverev: Sehr viel, aber nicht für mich. Es ist ein Zeichen für Eltern und Kinder da draußen, dass man mit Diabetes alles erreichen kann. Ich habe oft darüber gesprochen, aber jetzt habe ich es bewiesen. Reden ist das eine, es zu zeigen das andere. Ich habe diese Erkrankung, und nun gibt es jemanden, den sie anfassen können, der das alles durchlebt hat.
Antrieb und Ziele
BILD: Befürchten Sie, dass der Antrieb nun weg ist, weil Sie diesen einen Titel unbedingt wollten?
Zverev: Nein, weil mir die Arbeit Spaß macht. Ich mag es, in den Kraftraum zu gehen. Wenn ich jetzt aufhören würde, würde ich trotzdem ins Gym gehen. Ja, der Titel war ein Antrieb, aber nicht der Grund für meine harte Arbeit. Mir macht das Spaß! Wenn ich nicht trainiere, fühle ich mich nicht wohl. Das heißt nicht, dass ich in ein paar Wochen Wimbledon gewinne. Aber aufhören zu arbeiten oder keine Lust mehr zu haben, das passiert nicht. Ich will noch zehn Jahre spielen.
BILD: Sophia sagt, Sie holen noch zwei, drei solche Titel.
Zverev: Das freut mich für sie. Wenn sie diese Meinung hat, ist das schön. Dieses Jahr noch zwei wäre schön.
BILD: Ist die Nummer 1 noch ein Ziel, obwohl Jannik Sinner 6200 Punkte entfernt ist?
Zverev: Ja, jetzt ja. Ich habe das Grand-Slam-Ziel erreicht, und das Einzige, was mir im Sport noch fehlt, ist die Nummer 1 der Welt. Einfach mal für eine Woche. Das wäre angenehm, auch wenn es bei der Konkurrenz schwer wird.
Selbstbetrug und Druck
BILD: In Paris sagten Sie nach dem Aus von Sinner und Djokovic, Sie bekämen nichts mit und würden nur von Match zu Match schauen. War das wirklich so einfach?
Zverev: Nein. Dass ich von Match zu Match schaue und nur Dinge kontrolliere, die ich kontrollieren kann, das habe ich mir eingeredet. Auch wenn ich das Handy aus habe und nichts lese, bekomme ich natürlich mit, dass die beiden raus sind. Das hat mich nervös gemacht. Ich habe eine Nacht nicht geschlafen. Ich wusste, plötzlich bin ich von den drei großen Favoriten der letzte, der noch im Feld ist. Das war meine Riesenchance, meinen ersten Grand Slam zu gewinnen, die ich gewinnen kann und vielleicht muss. Das war eine unheimlich stressige Woche mit unfassbar viel Druck. Ich habe mich teilweise unwohl gefühlt, bin aber klargekommen und habe es gut gemanagt.
BILD: Sie sprachen davon, sich belogen zu haben.
Zverev: Ja, das habe ich. Du weißt, dass Alcaraz verletzt ist und Novak kaum gespielt hat. Du bist über die letzten Monate der Beste hinter Sinner. Das macht dich nervös. Gegen Quentin Halys in der 3. Runde war ich nicht gut, habe es aber überstanden und bin neu ins Turnier gekommen.
Oma Natalia in der Box
BILD: Der neue Star in Ihrer Box ist Ihre Oma Natalia. Erinnern Sie sich, wie Sie als Kind mit ihr Tennis gespielt haben?
Zverev: Na klar, ich war vier, fünf Jahre alt und sie kam immer aus Sotschi zu Besuch. Meine Mutter gab Trainerstunden, und wir waren nebenan und spielten. Sie war ja selbst UdSSR-Meisterin.
BILD: Ihre Oma brachte neue Energie, klatschte immer, bis niemand mehr klatschte. Freut Sie das, nachdem Sie sich manchmal beschwerten, dass Ihre Box zu ruhig sei?
Zverev: Ich schaue immer nur zu meinem Vater oder auf die Statistiken, die mein Bruder mir zeigt. Aber mir haben Leute nach jedem Match genau das erzählt. Wir versuchen, sie dauerhaft zu uns zu holen, aber das ist mit russischem Pass nicht möglich, auch wenn der Enkel Alexander Zverev heißt.
Aberglaube und Plätze
BILD: Wie kam es zu Ihrem Aberglauben, dass jeder in der Box immer auf demselben Platz sitzen muss?
Zverev: Das kam nicht von mir, das könnt ihr knicken! Das kommt von meinem Vater. Wenn sich jemand auf den falschen Platz setzt, wird er zurechtgesetzt (lacht).
Glückwünsche und Kanzler-Anruf
BILD: Welcher war der unerwartetste Glückwunsch?
Zverev: Ich habe noch 1576 unbeantwortete Nachrichten. Ich beantworte sie seit drei Tagen, aber ich werde noch ein paar Tage brauchen. Ich will jedem zurückschreiben. Unerwartet war der Bundeskanzler, der eben anrief. Das war eine große Ehre. Ich kenne ihn nicht persönlich. Es gab viele schöne Nachrichten: von Novak, Rafa Nadal hat mir eine sehr lange geschrieben, Dirk Nowitzki schrieb schon während des Matches (lacht), Toni Kroos, Joshua Kimmich, Mats Hummels...
BILD: Was sagt einem der Bundeskanzler?
Zverev: Er hat sich sehr über den Sieg gefreut und gesagt, dass er das Match gesehen und mitgefiebert hat. Das finde ich toll, damit hatte ich nicht gerechnet.
Tochter Mayla und die Zukunft
BILD: Nach dem Erstrunden-Aus in Wimbledon stellten Sie alles infrage und sagten, nur Ihre Tochter Mayla mache Sie glücklich. Die Diskussion über Ihren Vater als Trainer war stark. Die ist nun zu Ende, oder?
Zverev: Die Trainerfrage war für mich nie auf dem Tisch. Mayla macht mich glücklich, aber das hat nichts damit zu tun, dass ich mein Team feuere. Ich bin nicht der Typ dafür. Wenn es gut läuft, ist alles super, und wenn es drei Monate später nicht läuft, soll man alle feuern? Manchmal muss man sich selbst die Schuld geben. Vergangenes Jahr hatte ich Rückenprobleme, Knochenödeme wegen einer Stoffwechselstörung. Das war der Grund, warum ich mit Schmerzen spielte und nicht trainieren konnte. Nach Australien war ich bis Wien im Herbst außer Form. In Shanghai begann ich, mich um die Ödeme zu kümmern, und fühlte mich besser. Da hätte man auch Boris Becker hinsetzen können, der hätte nichts machen können mit einem verletzten Spieler.
BILD: Ihr Vater ist 66. Wenn Sie noch zehn Jahre spielen wollen, wird er so lange weitermachen?
Zverev: Ich glaube, er wird irgendwann in Rente gehen. Wenn er mir sagt, dass er aufs Boot und angeln will, dann sage ich: „Ok und vielen, vielen Dank für die 25 Jahre. Ich verstehe es.“ Aber das wird von ihm kommen. Ich wechsle den Trainer, wenn er mir sagt, er habe keine Lust mehr. Der Tag wird kommen, und das ist verdient. Er hat drei Enkelkinder zu Hause, eine Enkelin, die immer mal kommt, da würde ich auch nicht ständig durch die Welt reisen wollen.
Dr. Müller-Wohlfahrt und die Spritzen
BILD: Sie waren bei Dr. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt. Welchen Anteil hat er an diesem Titel?
Zverev: Im Dezember hat er mir viele Spritzen gegeben. Vielleicht waren es keine 70, aber 60 bestimmt. Er hat dafür gesorgt, dass ich dieses Jahr schmerzfrei spielen konnte. Zuletzt war ich nach dem Masters in Rom bei ihm, da gab es nochmal zweimal 20 Spritzen. Er hat seinen Anteil und hat mir sehr geholfen.
Tochter Mayla und der Pokal
BILD: Nach dem Matchball bei Olympia in Tokio riefen Sie Ihre damals wenige Monate alte Tochter Mayla an. Wann haben Sie Ihrer nun fünfjährigen Tochter den Pokal gezeigt?
Zverev: Ihr habt das alle nicht mitbekommen. Sie war am Handy, das während der Pressekonferenz auf meinem Schoß lag, und hat alles mitgehört.
BILD: Wächst sie schon ins Tennisgeschäft rein?
Zverev: In Acapulco hat es ihr unfassbar Spaß gemacht. Da war auch Sergeys Sohn mit, und sie tanzten beim Seitenwechsel immer. Ihr gefällt das immer mehr.
BILD: Darf das deutsche Frauentennis Hoffnung haben?
Zverev: Sie ist sehr talentiert. Wenn sie Lust hat, sehr gerne. Sie spielt auch schon ein bisschen, ist Linkshänderin. Da kann ich sie zu meinem Bruder schicken, der ist auch Linkshänder. Wobei: Der vermasselt ihre Vorhand (lacht). Daran darf er mit ihr nicht arbeiten. Aber sie kommt jetzt nach Halle zum Turnier.
Ein letzter Wunsch
BILD: Haben Sie einen Wunsch?
Zverev: Dass dieser Titel nicht der letzte bleibt.



