Klimaforscher Rahmstorf: Frühe Prognosen sind eingetroffen – AMOC-Kollaps droht
Rahmstorf: Frühe Prognosen eingetroffen – AMOC-Kollaps droht

Klimaforscher Stefan Rahmstorf stellt klar: Die frühen Prognosen zur globalen Erwärmung haben sich bewahrheitet. Im Interview mit dem Tagesspiegel betont er, dass Hitze-Extreme, Dürren und Starkregen zunehmen – genau wie vor Jahrzehnten vorhergesagt. „Unsere ganz frühen Prognosen treten seit Jahrzehnten ziemlich genau ein“, sagt der renommierte Wissenschaftler vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Die Erderwärmung sei an Mittelwerten und langfristigen Trends festzumachen, einzelne Hitzewellen seien nur ein Symptom.

Warum die Menschheit nicht handelt

Rahmstorf sieht die Ursache für das zögerliche Handeln in mächtigen Wirtschaftsinteressen. „Die fossile Energiewirtschaft gehört zu den reichsten Industrien weltweit und gibt gigantische Summen für Lobbyismus und Desinformation aus“, erklärt er. Dies verhindere, dass die in globalen Abkommen gemachten Versprechen eingehalten werden. Sein eigenes Engagement sei nicht vergebens gewesen, auch wenn ein einzelner Wissenschaftler gegen eine bestens finanzierte Lobby kaum ankomme. Der wissenschaftliche Konsens zu den Grundfakten der Erderwärmung sei inzwischen weitgehend anerkannt.

Auf die Frage, ob er sich als Aktivist sehe, antwortet Rahmstorf: „Ich nenne es ‚engagiert‘.“ Er wehrt sich gegen den Vorwurf, die Grenze zwischen Wissenschaft und Aktivismus zu verwischen. Er achte stets darauf, dass seine Aussagen auf begutachteter Fachliteratur beruhen. Die Diskreditierung von Wissenschaftlern als Aktivisten sei ein Versuch, ihre Glaubwürdigkeit zu untergraben.

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AfD und Klimaleugnung

Rahmstorf kritisiert die AfD, die nicht haltbare Aussagen zum Klimawandel vertrete. Rechtspopulisten wie US-Präsident Donald Trump hätten wenig Verständnis für wissenschaftliche Methodik und verleugneten lieber unbequeme Ergebnisse. Dies gefährde die Klimaforschung: Trump versuche derzeit, das weltweit führende Atmosphärenforschungszentrum in Boulder, Colorado, zu schließen. Die Politik neige dazu, wissenschaftlichen Rat nur dann anzunehmen, wenn er ins Konzept passe. Die aktuelle Bundesregierung bremse die Energiewende und den Klimaschutz aus, obwohl keine Zeit zu verlieren sei.

Meeresspiegelanstieg und IPCC-Kritik

Rahmstorf erinnert an seine Arbeit für den Weltklimarat IPCC. Bereits bei der Vorbereitung des vierten IPCC-Berichts sei klar gewesen, dass der künftige Meeresspiegelanstieg zu niedrig eingeschätzt werde. Die damaligen Klimamodelle zur Antarktis seien unzureichend gewesen. Auf Basis der Temperatur- und Meeresspiegelentwicklung der letzten 100 Jahre berechnete er einen Anstieg von 0,5 bis 1,4 Metern bis 2100 gegenüber 1990 – eine seiner meistzitierten Studien. Der IPCC habe einige Dinge unterschätzt, obwohl ihm Interessengruppen Alarmismus vorwarfen. Mittlerweile seien die Projektionen stark nach oben korrigiert worden.

AMOC: Droht ein Kipppunkt?

Ein zentrales Thema ist die atlantische Umwälzzirkulation AMOC. Studien deuten auf eine Abschwächung hin, die das milde Wetter in Mitteleuropa gefährdet. Rahmstorf erklärt: „Physikalisch gesehen ist der Kipppunkt der Punkt, an dem die weitere Abschwächung der Strömung zu einem Selbstläufer wird.“ Nach den meisten Prognosen werde die Strömung allmählich schwächer und zu Beginn des nächsten Jahrhunderts weitgehend verschwinden. Wie nah der Kipppunkt sei, sei wissenschaftlich unsicher, doch vieles deute auf eine Überschreitung in wenigen Jahrzehnten hin. Die Eintrittswahrscheinlichkeit schätzt er inzwischen auf mehr als 50 Prozent – früher lag sie bei fünf Prozent. Bei hohen Emissionen liege die Wahrscheinlichkeit bei rund 70 Prozent, selbst bei niedrigen Emissionen noch bei 25 Prozent.

Die Folgen eines AMOC-Kollapses wären gravierend: In Großbritannien und Skandinavien drohten stark sinkende Wintertemperaturen, während das Dürrerisiko in Europa vor allem im Mittelmeerraum steige. Die Schwankungen zwischen Kalt- und Warmluft nähmen zu, mit schweren Folgen für die Landwirtschaft. An der Nordsee sei zusätzlich zum globalen Meeresspiegelanstieg ein Anstieg um bis zu einen halben Meter zu erwarten, der schnell eintreten würde. Der Golfstrom verschiebe sich bereits nach Norden – in den Messdaten zeige sich eine Verschiebung um 55 Kilometer, ein klarer Fingerabdruck der AMOC-Abschwächung.

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Soziale Kippelemente und Hoffnung

Trotz der düsteren Aussichten sieht Rahmstorf Hoffnung in sozialen Kippelementen. Der Übergang zu erneuerbaren Energien sei ein Beispiel: „Der Kipppunkt ist der Punkt, an dem die Erneuerbaren die billigste Art der Stromerzeugung geworden sind. Das ist in den meisten Teilen der Welt inzwischen erreicht und das exponentielle Wachstum ist nicht mehr aufhaltbar.“ Die Frage sei, ob es schnell genug gehe, um den AMOC-Kipppunkt zu verhindern. Politische Weichen müssten jetzt gestellt werden, etwa beim Netzausbau und bei Netzanschlüssen.

Vor vier Jahren warnte Rahmstorf mit anderen Forschenden, die Erderwärmung könne das Ende der Zivilisation bedeuten. Daran habe sich nichts geändert. Bei einer Erwärmung von drei Grad werde die gesellschaftliche Stabilität gefährdet. Ob es noch gelinge, die Klimakrise aufzuhalten, sei wie beim Fußball: „Wir müssen daran arbeiten, es noch zu schaffen, denn die Alternative wäre schlimm.“

Abschied und Rat an junge Forscher

Rahmstorf wird im Herbst pensioniert, will sich aber nicht aus der öffentlichen Klimadiskussion verabschieden. Jungen Klimaforschern rät er, sich ein dickes Fell zuzulegen. Er selbst habe Morddrohungen gegen seine Familie und sich erlebt. Junge Forscher sollten für die Wissenschaft einstehen, auch in Zeiten wachsenden Rechtspopulismus. Ängstlichen jungen Menschen empfiehlt er: „Sie sollten rausgehen, sich vernetzen und sich mit anderen jungen Menschen engagieren, zum Beispiel in Initiativen für Klimaschutz. Das hilft auch einem selbst, man fühlt sich dann weniger alleingelassen und hilflos.“