Am Samstagnachmittag wurde in Möckern-Drewitz (Sachsen-Anhalt) eine Temperatur von 41,5 Grad Celsius gemessen – der höchste je in Deutschland offiziell registrierte Wert. Der bisherige Rekord wurde damit übertroffen. Auch in Andernach am Rhein wurden 41,2 Grad erreicht. Die Hitzewelle, die am Siebenschläfertag ihren Höhepunkt fand, beschert Deutschland und Europa ein Wochenende der Extreme.
Europaweite Rekorde und Dimensionen
Diplom-Meteorologe Dominik Jung von wetter.net erklärte gegenüber BILD: „Was die aktuelle Hitzewelle meiner Meinung nach europaweit einzigartig macht, ist ihre Dimension im Juni: In Frankreich wurde mit 44,3 Grad der heißeste Tag seit Beginn der Messungen registriert, in Großbritannien der heißeste Juni-Tag überhaupt, und in praktisch allen westeuropäischen Ländern purzelten die Rekorde.“ In Frankreich starben seit Beginn der Hitzewelle bereits 55 Menschen im Wasser, Spanien meldete rund 240 Hitzetote in den vergangenen zwei Wochen.
Asphalt schmilzt, Züge fallen aus
Die Infrastruktur leidet massiv unter der Hitze. Auf der Autobahn 2 verformte sich bei Burg (Sachsen-Anhalt) sowie zwischen Ziesar und Wollin (Brandenburg) der Asphalt, sodass die wichtige Ost-West-Verbindung voll gesperrt werden musste. Der ADAC meldete auch auf der A1, A3, A6, A7 und A9 geschmolzenen Asphalt und Hitzeblasen. Auf der L 2038 in Thüringen wurde ein Winterdienst mit Streuwagen eingesetzt, um die aufgeweichte Fahrbahn zu kühlen.
Die Deutsche Bahn riet ihren Kunden am Freitag, nicht zu fahren. Gebuchte Tickets können kostenlos storniert oder umgebucht werden. Grund sind befürchtete defekte Gleise, ausgefallene Klimaanlagen und brennende Böschungen. Der private Betreiber des Rhein-Ruhr-Expresses stellte den Betrieb am Mittag komplett ein. In Essen war der Straßenbahnverkehr massiv gestört, da der weiche Asphalt die Gleise aus dem Boden drückte.
Fischsterben und Wasserentnahmeverbote
In einigen Bundesländern ist die Wasserentnahme aus Teichen, Brunnen und Seen verboten. Rhein und Mosel sind inzwischen 28 Grad warm, an der Mosel bei Palzem droht ein großes Fischsterben durch Sauerstoffmangel. Die Warnstufe 3 wurde ausgerufen.
Zahlreiche Veranstaltungen wurden abgesagt, darunter Konzerte, Marathonläufe und ein Polizei-Gelöbnis in Thüringen. Schlagerstar Roland Kaiser (74) verschob seine Konzerte in Halle um eine Stunde nach hinten und erlaubte Fans, alkoholfreie Getränke bis 1,5 Liter mitzubringen.
Tödliche Badeunfälle und überfüllte Freibäder
Die Hitzewelle führte zu einer dramatischen Zunahme von Badeunfällen. Mindestens 14 Menschen starben binnen einer Woche im Wasser. Drei Männer (23, 27, 50) ertranken bei Groß-Gerau im Rhein, drei Teenager (14, 16, 19) im Rhein-Herne-Kanal. Im Bodensee sprangen zwei Rentner (71, 76) von einem gemieteten Boot in den See und starben. Ein 8-Jähriger ertrank im Parksee Lohne bei Hannover. Im Badesee Echtz bei Düren fiel ein 14-Jähriger von einem Schlauchboot und wurde tot geborgen. Auch am Starnberger See und am Großen Alpsee kamen Badegäste ums Leben. In Berlin ertrank ein 17-Jähriger in der Krummen Lanke vor den Augen seiner Mitschüler.
Viele Freibäder mussten wegen Überfüllung schließen. In Gelsenkirchen kam es am „Sportparadies“ zu Tumulten, als 700 Menschen abgewiesen wurden; die Polizei musste eingreifen.
Kraftwerke unter Druck und Gletscherschmelze
Mehrere Atomkraftwerke in Frankreich und das AKW Beznau in der Schweiz wurden abgeschaltet, da das Kühlwasser aus den Flüssen zu warm ist. Die Angst vor Stromengpässen wächst. In Ungarn wurde die Bevölkerung aufgefordert, abends keine Klimaanlagen zu nutzen und keine E-Autos zu laden.
Die Hitzewelle setzt den Gletschern stark zu. Laut Gletscher-Forscher Matthias Huss droht in den Alpen ein „sehr starker Eisverlust“. Die winterlichen Schneereserven werden bereits morgen aufgebraucht sein.
Die Hitzeglocke zieht jetzt nach Osten weiter. In einigen Regionen gab es bereits heftige Unwetter mit Starkregen und Orkanböen. Während in Deutschland Rekordhitze herrscht, war es in Abuja, Nigeria, mit angenehmen 29 Grad deutlich kühler.



