Die Schweiz steht vor einer richtungsweisenden Abstimmung: Am Sonntag entscheiden die Stimmberechtigten über eine Initiative, die den Zuzug von Ausländern drastisch begrenzen könnte. Fünf Deutsche, die in der Schweiz leben und arbeiten, schildern ihre Gedanken und Ängste. Die Protokolle stammen von Charlotte Theile.
„Ich gehöre zu den Unerwünschten“
Die Stimmung unter den in der Schweiz lebenden Deutschen ist angespannt. Viele fühlen sich durch die Initiative direkt angegriffen. „Plötzlich bin ich Teil einer Gruppe, die als Problem dargestellt wird“, sagt ein 34-jähriger Ingenieur aus Zürich. Er lebt seit acht Jahren in der Schweiz und arbeitet in der Finanzbranche. Die Initiative, die von der rechtskonservativen Schweizerischen Volkspartei (SVP) unterstützt wird, sieht vor, die jährliche Nettozuwanderung auf 0,2 Prozent der ständigen Wohnbevölkerung zu begrenzen. Das würde bedeuten, dass nur noch etwa 16.000 Menschen pro Jahr einwandern dürften – bisher sind es rund 80.000.
Betroffenheit und Verunsicherung
Eine 29-jährige Krankenschwester aus Bern berichtet: „Ich liebe meinen Job hier, aber jetzt frage ich mich, ob ich überhaupt willkommen bin.“ Sie kam vor fünf Jahren aus Bayern in die Schweiz, um in einem Spital zu arbeiten. Die Unsicherheit sei groß, ob sie ihren Aufenthalt verlängern könne. „Die Initiative schürt Ängste, die nicht gerechtfertigt sind“, sagt sie. Viele Deutsche in der Schweiz fühlen sich als wichtige Arbeitskräfte, die zur Wirtschaft beitragen. Die Initiative könnte jedoch das Ende des freien Personenverkehrs mit der EU bedeuten, was weitreichende Folgen hätte.
Wirtschaftliche Bedenken
Ein 42-jähriger Unternehmer aus Basel warnt vor den wirtschaftlichen Konsequenzen. „Ohne ausländische Fachkräfte würde die Schweiz einen massiven Einbruch erleben“, erklärt er. Sein Unternehmen beschäftigt viele Deutsche und andere EU-Bürger. „Wir sind auf diese Leute angewiesen. Die Initiative ist ein Schuss ins eigene Knie.“ Auch die Schweizer Regierung und die meisten Wirtschaftsverbände lehnen die Initiative ab. Sie argumentieren, dass die Begrenzung dem Arbeitsmarkt schaden und die Beziehungen zur EU belasten würde.
Persönliche Geschichten
Eine 31-jährige Lehrerin aus St. Gallen erzählt: „Ich habe hier eine Familie gegründet, mein Mann ist Schweizer. Trotzdem fühle ich mich durch die Debatte ausgegrenzt.“ Sie unterrichtet an einer Grundschule und sieht die Initiative als Angriff auf ihre persönliche Lebensentscheidung. „Ich bin nicht nur eine Arbeitskraft, ich bin ein Mensch mit einem Leben hier.“ Die Abstimmung am Sonntag wird mit Spannung erwartet. Umfragen deuten auf ein knappes Ergebnis hin. Die Befürworter der Initiative argumentieren, dass die Schweiz ihre Identität bewahren und den Druck auf Infrastruktur und Wohnungsmarkt verringern müsse. Die Gegner warnen vor Isolation und wirtschaftlichen Nachteilen.
Für die fünf Deutschen, die hier zu Wort kommen, steht viel auf dem Spiel. Sie hoffen, dass die Vernunft siegt und die Schweiz ein offenes Land bleibt. „Ich möchte hier weiterleben und arbeiten“, sagt der Ingenieur. „Ich hoffe, dass die Mehrheit der Schweizer das auch so sieht.“



