Indigene Aktivistin über Entrechtung und Zwangsrekrutierung in Russland
Indigene Aktivistin: Entrechtung und Zwangsrekrutierung in Russland

Irina Kurilova gehört zum Volk der Jukagiren, einer indigenen Minderheit in Russland. Die Aktivistin geriet ins Visier des Kremls und musste fliehen. Im Interview spricht sie über die Entrechtung der Indigenen und ihren Einsatz im Ukrainekrieg.

Ungleiche Sterblichkeit im Krieg

In der Ukraine sind mittlerweile Hunderttausende russische Soldaten getötet oder verwundet worden. Unabhängige russische Medien zeigen, dass darunter auffallend viele Männer aus Minderheitenregionen stammen, tausende Kilometer von Moskau entfernt. „Tatsächlich ist es deutlich wahrscheinlicher, im Krieg gegen die Ukraine zu sterben, wenn man aus einer Minderheitenregion wie Burjatien, Tatarstan oder meiner ostsibirischen Heimatrepublik Jakutien kommt, statt aus Moskau oder St. Petersburg“, sagt Kurilova.

Warum Indigene überproportional betroffen sind

Obwohl heute ein Großteil der russischen Soldaten in der Ukraine freiwillig kämpft, gab es 2022 Mobilisierungswellen, in denen Zehntausende in abgelegenen Regionen rekrutiert wurden, in denen vor allem Indigene leben. Kurilova erklärt: „Einerseits, weil indigene Männer ihr gesamtes Leben unter extremen Bedingungen verbringen. Das macht sie zu gefragten Soldaten. Hier muss jeder mit Waffen umgehen können und ein sehr guter Jäger sein.“

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Zudem würden die Menschen in diesen entlegenen Regionen nur mit wenigen Informationen versorgt. Die Internetverbindung sei schwach, nur wenige TV-Kanäle – hauptsächlich staatlich gelenkte Propagandasendungen – erreichten die Haushalte. „Zu wenige Bewohner kennen ihre Rechte, etwa das Recht auf Freistellung vom Kriegsdienst, wenn man als Vater mehrere Kinder zu versorgen hat. Deswegen gehen sie und sterben in der Ukraine“, so Kurilova.

Die Situation der Jukagiren

Kurilova selbst gehört zur Minderheit der Jukagiren, die nur noch etwa 1800 Menschen zählt. In ihrem Heimatdorf Andrjuschkino im Nordosten Sibiriens lebten vor dem Krieg rund 700 Menschen. „Ich weiß von mindestens 72 eingezogenen Männern aus meinem Dorf. Mehr als 22 davon sind bereits gestorben. Diese jungen Männer hatten keine Chance, Kinder zu bekommen, Familien zu gründen“, berichtet sie.

Zwang zur Freiwilligkeit

Die Rekrutierung erfolgt oft durch finanzielle Anreize. „Jedem Freiwilligen, der einen Vertrag bei der russischen Armee unterschreibt, werden für die Region unvergleichlich hohe Summen angeboten“, sagt Kurilova. Der monatliche Sold könne bei mehr als 200.000 Rubel (rund 2400 Euro) liegen, während das Durchschnittsgehalt in der Region bei etwa 30.000 Rubel (360 Euro) liege. Hinzu kämen einmalige Prämien von bis zu vier Millionen Rubel (50.000 Euro) für Bürger aus Jakutien.

Doch es gebe auch Druck: „Mittlerweile gibt es Quoten für Betriebe und sogar Universitäten: Eine bestimmte Anzahl von Mitarbeitern oder Studenten muss monatlich für die Mobilisierung bereitgestellt werden. Wer etwa Probleme mit dem Studium hat, bekommt zu hören: ‚Wir schmeißen dich raus, und dann wirst du ohnehin sofort mobilisiert – also schließ lieber einen freiwilligen Vertrag ab.‘“

Indigene Rechte und Kolonialismus

In Russland leben 190 Ethnien, darunter 40, die als „zahlenmäßig kleine indigene Völker des Nordens, Sibiriens und des Fernen Ostens“ gelten. Laut Verfassung soll der Staat ihren Erhalt fördern. Doch Kurilova kritisiert: „Die Gesetze werden leider nicht ausreichend befolgt. Während die zahlenmäßig kleinen indigenen Völker am Rande des Überlebens stehen, beuten Industrieunternehmen die Böden aus, auf denen sie leben. Öl, Gas, Kohle, Gold, Diamanten – all das wird auf unseren Territorien gewonnen, doch der entstehende Reichtum fließt direkt nach Moskau.“

Auf die Frage, ob dies Kolonialismus sei, antwortet sie: „In Russland sprechen wir das Thema nicht öffentlich an. Das wäre ein Tabubruch, auf den die Behörden sehr hart reagieren.“

Flucht vor dem FSB

Seit einem halben Jahr ist Kurilova nicht mehr in Russland. „Ich musste fliehen. Am 17. Dezember 2025 begann der Staat, Aktivisten aus den Reihen der Indigenen offen zu verfolgen“, erzählt sie. Beamte des Inlandsgeheimdienstes FSB kamen zu ihr und anderen Aktivisten in ganz Russland. Ihr wurde Extremismus vorgeworfen. „Während meines Verhörs drohten sie, mich für bis zu 20 Jahre in ein Gefängnis zu sperren“, sagt sie.

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Nach sieben Stunden Verhör wurde sie freigelassen, aber ihre Anwältin riet ihr zur sofortigen Ausreise. „Also ließ ich alles stehen und liegen, packte einen Rucksack und verließ das Land.“

Persönliche Opfer

Um ihre Familie zu schützen, musste Kurilova ihren Mann bitten, sich von ihr scheiden zu lassen. „Dieses Jahr wären wir 20 Jahre verheiratet gewesen“, sagt sie traurig. Der FSB hatte den Arbeitgeber ihres Mannes aufgesucht und ihn gebeten, ihm wegen seiner Ehe mit ihr zu kündigen. Ihr Mann konnte Jakutien nicht verlassen, da er sich um seine alte Mutter kümmern muss und auf seinen Job angewiesen ist.

Kurilova befindet sich nun in einer Situation der Ungewissheit. „Die Möglichkeiten, internationale Unterstützung zu erhalten, werden immer geringer, und die Vorschriften in vielen Ländern werden strenger. Dennoch suche ich weiterhin nach einem sicheren Ort, an dem ich leben, arbeiten und meiner Tätigkeit ohne Angst vor Verfolgung nachgehen kann.“