Europol schlägt Alarm: Immer mehr Minderjährige werden für schwere Straftaten angeworben
Europol warnt vor einer besorgniserregenden Entwicklung: Kriminelle Organisationen rekrutieren zunehmend Kinder und Jugendliche für schwere Straftaten wie Mordanschläge und Sprengstoffattentate. Die europäische Polizeibehörde hat ihre Ermittlungen massiv ausgeweitet und eine spezialisierte Taskforce namens „GRIMM“ eingerichtet, um gegen das Phänomen der „Gewalt auf Bestellung“ vorzugehen. Aktuell ermittelt Europol gegen rund 1400 Personen, die im Verdacht stehen, Auftragsverbrechen begangen zu haben. 280 Personen wurden bereits festgenommen, darunter etwa 100 Minderjährige. Ihnen werden Morde und schwere Gewalttaten vorgeworfen.
Rekrutierung über soziale Netzwerke und Gaming-Plattformen
Die Täter werben ihre Helfer oft in abgeschotteten Chatforen oder auf Gaming-Plattformen an. Ein besonders erschreckender Fall ereignete sich im August 2025 in Frankfurt am Main. Ein 15-jähriger Niederländer erhielt über Snapchat einen Mordauftrag. Die Rekrutierer versprachen ihm 3000 Euro für einen „Job“ in Deutschland. Der Jugendliche, der sich in einer schwierigen familiären und finanziellen Situation befand, sagte zu. Gemeinsam mit einem 18-jährigen Freund reiste er nach Deutschland, wo ein 20-jähriger Komplize sie mit Material für eine Kugelbombe versorgte. Am frühen Morgen des 5. August warf der 15-Jährige den Sprengsatz in ein Café in Frankfurt-Bockenheim. Das Café stand sofort in Flammen, doch der Wirt konnte die Bombe in eine Ecke treten, sodass alle Gäste unverletzt blieben. Die Polizei nahm den Jugendlichen wenig später fest. Ende März verurteilte das Landgericht Frankfurt ihn zu vier Jahren Jugendstrafe.
Taskforce „GRIMM“ geht gegen das Geschäftsmodell vor
Im Zentrum der Europol-Offensive steht die Taskforce „GRIMM“, die seit einem Jahr gegen das Geschäftsmodell der „Gewalt auf Bestellung“ vorgeht. „Kinder sind für die kriminellen Netzwerke die perfekten Soldaten“, sagt Andy Kraag, Leiter der Einheit und Experte für organisiertes Verbrechen bei Europol. „Dieses Phänomen verbreitet sich in Europa mittlerweile wie ein Lauffeuer.“ Beteiligt an der Sondereinheit mit Sitz in Den Haag sind elf Länder, darunter Deutschland, Frankreich, Schweden und Großbritannien. Die Ermittler konnten im vergangenen Jahr 180 Hintermänner festnehmen. Kraag betont: „Wichtiger aber ist, die Hintermänner ins Visier zu nehmen.“
Einfaches Geschäftsmodell mit globaler Reichweite
Das Geschäftsmodell der kriminellen Organisationen ist erschreckend simpel. Rekrutierer, oft selbst kaum älter als ihre Zielgruppe, inszenieren sich in sozialen Netzwerken als Influencer. Sie sprechen die Sprache der Jugendlichen und tarnen Gewalt als „Challenge“, „Mission“ oder „Wettbewerb“. Die Hintermänner sitzen häufig im Ausland und steuern die Operationen aus der Distanz. Ein typisches Szenario: Ein Drahtzieher in Dubai, Rekrutierer in den Niederlanden und Täter, die für Anschläge nach Deutschland reisen. Lockt ein Jugendlicher an, winken Geld, Anerkennung oder Druck. Logistiker übernehmen den Rest: Transport, Unterkunft, Kleidung und Waffen. Am Tatort muss der Jugendliche die Aktion als Beweis filmen. Die Videos dienen später der Abschreckung und Rekrutierung. Danach ist der Täter entbehrlich – viele werden schnell gefasst, weil sie keine Fluchtstrategie haben.
Sadistische Online-Netzwerke im Visier der Ermittler
Parallel zu den Auftragstaten der organisierten Kriminalität geraten zunehmend sadistische Online-Netzwerke ins Visier von Europol-Ermittlern. In diesen Gruppen werden Minderjährige systematisch beeinflusst, missbraucht und im Extremfall in den Suizid getrieben. Die Ermittler schätzen die Szene auf rund 10.000 aktive Nutzer. Tausende Fälle von Selbstverletzung und zahlreiche Suizide stehen im Zusammenhang mit diesen sogenannten „Com“-Netzwerken, zu denen auch Gruppen wie „764“ zählen. Ein mutmaßlicher Kopf des sadistischen Netzwerks, Shahriar J., steht seit Januar vor dem Hamburger Landgericht. Dem 21-jährigen Deutsch-Iraner werden mehr als 200 Straftaten vorgeworfen, darunter Mord und versuchter Mord. Unter dem Pseudonym „White Tiger“ soll er Kinder und Jugendliche über Kontinente hinweg manipuliert und missbraucht haben.
Staatliche Akteure als mögliche Nutznießer
Europol prüft inzwischen, ob auch staatliche Akteure wie Russland das Geschäftsmodell der „Gewalt auf Bestellung“ gezielt für eigene Zwecke nutzen. Bereits bekannt ist der Einsatz schwedischer Drogenbanden durch den iranischen Geheimdienst, etwa bei Anschlägen auf jüdische und israelische Einrichtungen in Skandinavien. Sicherheitskreise sprechen von einer neuen Qualität der Bedrohung: Kriminelle Netzwerke werden zur verlängerten Werkbank geopolitischer Interessen. Andy Kraag warnt: „Dieses System funktioniert erfolgreich für die organisierte Kriminalität. Das bleibt nicht unbemerkt.“



