Nachruf auf Michel Freerix: Die Suche nach Wahrheit und Echtheit
Nachruf auf Michel Freerix: Wahrheit und Echtheit

„Keinen Sex, keine Waffen“, notiert Michel Freerix auf einen Zettel und heftet ihn an die Wand. So viel steht für seinen Abschlussfilm an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (DFFB) fest: Sex und Waffen werden nicht vorkommen. Und schwarz-weiß soll der Film sein. Mehr weiß er zunächst nicht. Er beginnt, die ersten Drehbuchsätze zu schreiben. Langsam kommt sein Kopf in Bewegung. „Ich erzähle einen Tag im Leben eines Typen“, denkt er, „keine großen Sachen, nur das Alleralltäglichste.“ Bloß nicht diese überfrachteten Plots. „Berliner Schule“ eben, wie man diesen Filmstil später nennen wird – große Namen sind Christian Petzold, Thomas Arslan und Angela Schalanec.

Vom Maurer zum Filmemacher

Er legt eine Platte der „Wipers“ auf, Post-Punk, treibende Gitarre, Minimalismus. Er beginnt zu begreifen, dass er über sich selbst schreiben wird. „Es geht um meine Jugend. 20, 21 Jahre alt zu sein in einer Kleinstadt, im Dorf“, erzählt er später in einem Interview. „Du hängst mit Leuten zusammen, mit denen du nicht richtig gut klarkommst, aber du hast keine anderen.“

Michel kommt aus Emden. Sein Vater ist Werftarbeiter, seine Mutter erst Hausfrau und dann Putzfrau. Ein älterer Bruder. Katholische Diaspora; heute gibt es in Emden nur noch eine katholische Kirche, St. Michael. Messdiener bis zwölf. Hauptschule, Realschule, Abitur mit Ausbildung zum Maurer. Bauarbeiteratmosphäre, zu viel Alkohol – Michel leidet.

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Kein Auto zu Hause, viel zu teuer. Aber dann irgendwann eine riesige Anschaffung: ein Fernsehgerät. Und ab jetzt ändern sich die Dinge. Denn es gibt die Dritten Programme, NDR, Radio Bremen. Sie zeigen Filme von Godard, Truffaut, Chabrol – Nouvelle Vague. Michel guckt und guckt, meist ab zehn, wenn die Eltern im Bett liegen. Es kommt ihm vor, als würde er erst jetzt in die Schule gehen, in die richtige, die eigentliche Schule. Er fängt an zu schreiben. Fotografiert. Geht ins Theater. „Dass es eine Filmschule gab, das wusste ich nicht.“ Bis er es dann doch weiß, sich bewirbt und 1985 nach Berlin geht. Er sitzt jetzt nicht mehr vorm Fernseher, er hat gar keinen, er sitzt jeden Abend im Kino, „mir war egal, was lief, ich guckte mir einfach Filme an.“

Der Abschlussfilm: „Chronik des Regens“

1990 dann sein Abschlussfilm. Er handelt von Alex. Alex ähnelt mit seinem „X“ am Ende Freerix, Michels Künstlernamen. In seinem Pass steht noch immer „Freericks“. Alex ist ein arbeitsloser Maler am letzten Tag seiner Arbeitslosigkeit. Eine spezielle Art von Abschied, ohne große Dramatik, nur Zeit, die vergeht. Dazu jede Menge Dialoge, und auf jeden Fall Laien als Schauspieler, „Typen, Freaks“. Alex versucht, seine Vergangenheit und seine Zukunft in den Griff zu kriegen, aber es kommt nur Wirrwarr dabei heraus.

Michel hat zwei Wochen für die Aufnahmen, in einer regnet es komplett durch. Der Film heißt „Chronik des Regens“. „Nach dem Dreh war ich wahnsinnig hinüber. Das Geld war alles futsch, und ich hatte mich total in diesen Dreharbeiten verbraucht.“ Michels Art zu sprechen erinnert ein bisschen an Holden Caulfield, den „Fänger im Roggen“, obwohl Holden aus einem bürgerlichen Milieu stammt. Aber beide wollen etwas in einem vorgegebenen System, und wollen es gleichzeitig auch nicht, immer ist da irgendwas, das schiefgeht oder nervt. Bloß nicht zu sehr beim Establishment mitmachen. Michel sagt: „Für mich war klar: Im Fernsehbusiness will ich nicht sein.“ Zu viele Kompromisse. Zu viel Kommerz. Ständig Förderungen beantragen, mit den Redakteuren der Fernsehanstalten verhandeln, die andauernd Dinge ändern und streichen, Schauspieler austauschen, befinden, ob eine Szene gut ist oder schlecht. Nein, das will er nicht. „Ich will nicht einfach nur Schönes machen. Was ist wahr, und was ist echt, und die Unruhe innerhalb der Sachen, das interessiert mich.“

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Das Leben abseits des Filmgeschäfts

Hätte ihn jemand in den letzten Jahren gefragt, was er von Beruf ist, hätte er „Sozialarbeiter“ gesagt, auf keinen Fall mehr „Filmemacher“ (und Regisseur ohnehin nicht, weil er auf der DFFB alles gelernt hat, Regie, Kamera, Ton, Schnitt). Kerstin, seine Frau und Musikerin, unterrichtet eine Geigenschülerin, die einen Sohn hat, der eine Zusatzbetreuung braucht. Die übernimmt Michel. Er fährt mit dem Jungen durch die Stadt, zeigt ihm die großen Berliner Baustellen, er mag das. Er wird Schulhelfer für Kinder, die eine Extraförderung benötigen. Er fährt mit dem Fahrrad durch die Gegend, auf dem Rücken sein DJ-Koffer, vollgestopft mit Platten aus seiner außerordentlichen Sammlung, um auf Festen oder Vernissagen aufzulegen, Folk, Freejazz, Soul, Rock, Punk – da gibt es für ihn gar keine Grenzen. Immer schon haben ihn Weltraum- und Science-Fiction-Themen interessiert, er liebt dieses Album des Avantgardejazzkomponisten Sun Ra, „Space is the Place“, dessen erster Titel heißt wie die ganze Platte, und der auf seiner Trauerfeier gespielt wird – eine Beschwörungsformel: „Space is the place, space is the place“, das Stück dauert 21 Minuten.

Er saniert mit anderen ein Haus in der Victoriastadt in Lichtenberg, denn irgendwie ist er ja doch noch Maurer. Er schreibt für die „Taz“ und die „Jungle World“, kuratiert Ausstellungen, schreibt fürs Radio, unterrichtet an der Humboldt-Uni. Er spinnt Fäden und Netze zwischen Leuten, die ohne ihn nicht zusammengekommen wären. Er hilft nach: Im Stadthaus in Lichtenberg gibt es eine Kulturveranstaltung, ich kenne dort jemanden, versuch doch mal da, deine Sachen vorzustellen. Neues entsteht, immer wieder. Michel ist ein talentierter Redner. Und ein talentierter Schweiger. Ist Kerstin auf Tournee, ruft sie ihn von unterwegs an und fragt: „Wie geht es dir?“, sagt er langsam und gedehnt: „Jo...“

Krankheit und Vermächtnis

Ihre Frage ist berechtigt. Denn seit ein paar Jahren geht es ihm eher nicht gut. Michel hat eine ererbte Niereninsuffizienz. Drei Mal pro Woche Dialyse. Drei Mal die Woche mit dem Fahrrad hin und zurück. Er bekommt eine Sepsis, er wird immer schwächer.

„Space is the place. There‘s no limit to the things that you can do.“ Jetzt in einer anderen Art von Raum.