Wie eine fehlende Baugenehmigung Timo Bolls Sportlaufbahn veränderte
Die Sportwelt kennt ihn als einen der erfolgreichsten deutschen Tischtennisspieler aller Zeiten. Doch Timo Bolls Karriere hätte beinahe einen völlig anderen Verlauf genommen. Im exklusiven Interview verrät der 45-jährige Ausnahmesportler, dass sein ursprünglicher Traum eigentlich dem Tennissport galt.
Der Tennisplatz, der nie gebaut wurde
Schon mit drei Jahren zeigte Timo Boll außergewöhnliches sportliches Talent. „Ich war eigentlich talentiert in jedem Sport. Vor allem im Tennis“, erinnert sich der gebürtige Höchster aus dem hessischen Odenwald. Sein Vater, der bei der Reifenfirma Pirelli arbeitete, wollte seinen Sohn nach Kräften fördern und plante sogar den Bau eines privaten Tennisplatzes auf dem freien Grundstück der Familie.
Doch aus diesem Vorhaben wurde nichts: „Mein Papa wollte einen Tennisplatz bauen. Nur für mich. Dass wir zu jeder Zeit trainieren können. Er wollte da wirklich ein bisschen was investieren. Aber wir haben keine Baugenehmigung bekommen“, erklärt Boll. Diese administrative Hürde sollte den weiteren Lebensweg des jungen Sporttalents entscheidend prägen.
Vom Keller zum Weltruhm
Statt auf den Tennisplatz verlegte sich die Familie auf die bereits vorhandene Tischtennisplatte im Keller. „Mir war das völlig egal. Hauptsache, ich konnte gegen den Ball hauen“, so der spätere Weltklassespieler. Was als Notlösung begann, entwickelte sich rasch zu einer außergewöhnlichen Karriere.
Der Einsatz seiner Eltern war bemerkenswert: Täglich fuhr der Vater seinen Sohn eine Stunde zum Training nach Frankfurt, wartete dort zweieinhalb Stunden und brachte ihn anschließend wieder nach Hause. „Ich erkenne jetzt erst, was meine Eltern überhaupt geleistet haben“, reflektiert Boll heute. „Ich habe ja selbst eine Tochter. Wenn ich sie zwei-, dreimal pro Woche irgendwo herumfahren muss, bin ich schon gestresst.“
Skepsis der Mutter und früher Erfolg
Während der Vater voll hinter der Sportlaufbahn seines Sohnes stand, zeigte sich die Mutter zunächst skeptisch. Als es darum ging, ob Timo nach der zehnten Klasse wirklich Profi werden sollte, gab es intensive Familien diskussionen. „Wir haben es für ein Jahr probiert nach der zehnten Klasse. Ich habe dann den Anschluss an die Weltspitze geschafft. Sonst wäre wahrscheinlich alles anders gekommen“, berichtet der Sportler.
Mit nur 16 Jahren wurde Boll Profi. Ohne Abitur oder Studium verdiente er bereits in jungen Jahren mehr als sein Vater. „Ich habe mit 15, 16 Jahren mit Tischtennis ordentlich Geld verdient. Das war beruhigend. Ich war schon immer ein Sicherheitsdenker“, erklärt er.
Leidenschaft statt Karrieredenken
Für Timo Boll stand stets die Leidenschaft für seinen Sport im Vordergrund. „Ich war einfach im Flow, hatte meine Kumpels im Umfeld. Ich habe nicht bemerkt, dass ich da auf einem besonderen Weg bin“, beschreibt er seine frühen Jahre. Viele Kindergeburtstage verpasste er, doch Bedauern empfindet er nicht: „Ich hab’ das Leben genossen aus der Sicht eines Sportlers. Mir fehlte nichts.“
Seine frühe Selbstständigkeit zeigt sich auch in seiner Kommunikation mit den Eltern: „Ich war kein Kuscheltyp. Meine Eltern erzählen heute noch, dass ich mich aus dem Trainingslager wochenlang nicht gemeldet habe. Ich fühlte mich dort gut aufgehoben. Handys gab es ja noch nicht“, erinnert sich Boll.
Olympische Erfolge und sportliche Ethik
Siebenmal nahm Timo Boll an Olympischen Spielen teil, zuletzt 2020 in Tokyo, die pandemiebedingt erst 2021 ausgetragen wurden. Im Einzelwettbewerb schied er im Achtelfinale aus, mit der deutschen Mannschaft gewann er die Silbermedaille. Eine Goldmedaille blieb ihm verwehrt, doch das hat ihm nie geschadet.
„Ich hatte niemals Angst vor dem Verlieren“, betont der Sportler. „Ich wusste immer: Gib dein Bestes. Mehr geht nicht. Wenn der Gegner besser war, war das okay. Ich war ausgeglichen, nie gestresst.“ Seine sportliche Ethik geht sogar über den reinen Erfolg hinaus: „Fair Play war mir wichtiger als sportlicher Erfolg. Wenn ich mal einen Kantenball mitgenommen habe, der keiner war, dann hat sich der Sieg nicht mehr verdient angefühlt.“
Die Geschichte von Timo Boll zeigt eindrucksvoll, wie ein scheinbares Hindernis – die fehlende Baugenehmigung für einen Tennisplatz – letztlich den Weg zu einer außergewöhnlichen Sportkarriere ebnete. Aus der Notlösung im Keller wurde eine lebenslange Leidenschaft, die den deutschen Tischtennissport nachhaltig prägte.



