Pfiffe gegen Sané: Ein unverständlicher Akt von Teilen der DFB-Fans
Man kann sich wirklich nur an den Kopf fassen. Der Abend in Stuttgart offenbarte auf eindrückliche Weise, wie nah im Fußball Licht und Schatten beieinanderliegen können. Auf der einen Seite erlebten die Zuschauer genau das, was man sich von einem Länderspiel erhofft: ein pulsierendes Stadion, das vor Leben sprühte. Sprechchöre hallten durch die Arena, Laola-Wellen rollten durch die Ränge, und eine mitreißende Euphorie trug die Mannschaft. Besonders bei Deniz Undav war spürbar, welche gewaltige Kraft entstehen kann, wenn die Fans ihre Spieler bedingungslos unterstützen.
Die dunkle Seite der Emotionen
Doch dann kam die andere, die unschöne Seite zum Vorschein. Pfiffe gegen die eigene Mannschaft. Laut, deutlich und unüberhörbar trafen sie Leroy Sané im Moment seiner Einwechslung. Und er war nicht der Einzige: Auch Antonio Rüdiger musste sich Pfeifkonzerte gefallen lassen. Bei ihm war dies allerdings weniger präsent, da er nach der Halbzeitpause bereits auf dem Feld stand und nicht wie Sané im Fokus der Aufmerksamkeit bei der Einwechslung stand.
Natürlich gehören Pfiffe zum Fußball dazu. Sie sind Ausdruck von Emotionen, entladen sich bei schwachen Leistungen, vermeintlichen Fehlentscheidungen oder bei Vereinswechseln von Publikumslieblingen. Dies ist ein fester Bestandteil der Fankultur. Doch genau hier verläuft eine klare Grenze.
Ein Verhalten ohne Gespür
Wenn sich der Unmut gezielt gegen einzelne Spieler richtet, die sich nichts zuschulden kommen lassen haben – außer vielleicht, gerade keine starke Lobby zu besitzen – dann fehlt es schlichtweg an Gespür. Dann verwandeln sich Emotionen in etwas, das der eigenen Mannschaft aktiv schadet. Im Fall von Leroy Sané ist dieses Verhalten besonders schwer nachzuvollziehen.
Ja, sein Spiel gegen die Schweiz war nicht herausragend. Aber es war bei Weitem nicht katastrophal. Vor allem sollte man nicht vergessen: In den vorangegangenen Partien gegen die Slowakei und Luxemburg war Sané einer der prägenden Akteure. Auch im Spiel gegen Ghana, das mit 2:1 gewonnen wurde, gehörte er zu den Aktivposten und bereitete den Siegtreffer vor. Diese Leistungen einfach auszublenden, hat wenig mit sachlicher Bewertung zu tun, sondern viel mehr mit momentanen Launen.
Pfiffe ohne jeden Nutzen
Diese Pfiffe entbehren jeder Logik. Sie machen Sané nicht besser und nicht schlechter. Sie bringen schlichtweg nichts, außer schlechter Stimmung und dem Gefühl für den Spieler, nicht wertgeschätzt zu werden. Vielleicht wollten die wenigen, vermeintlichen DFB-Anhänger auch eine Botschaft an Bundestrainer Julian Nagelsmann senden, Sané nicht mit zur Europameisterschaft zu nehmen. Nur werden sie damit kaum das erreichen, was sie sich erhoffen.
Denn Nagelsmann dürfte sich von solchen Aktionen kaum beeindrucken lassen. Eher gilt hier das Motto: Jetzt erst recht. Der Bundestrainer hielt sich auf der anschließenden Pressekonferenz bewusst zurück. Nach seinen kontroversen Aussagen zu den „Hyänen im Busch“ wollte er sich nicht erneut zur Zielscheibe der Anhänger machen oder das Thema größer werden lassen, als es ohnehin schon ist. Klar, er möchte die Euphorie nicht schon elf Wochen vor dem ersten Spiel dämpfen oder unnötige Unruhe erzeugen.
Eine verpasste Gelegenheit
Es ist schon Wahnsinn genug, dass sich der Bundestrainer überhaupt mit solchen Nebenschauplätzen herumschlagen muss. Und trotzdem: Hier hätte Nagelsmann sich auch deutlicher positionieren dürfen. Denn eigentlich sollte es beim Fußball um den Sport gehen. Um Aufbruch, um Zusammenhalt, um die Schaffung einer soliden Basis für neue Euphorie. Stattdessen diskutiert man über Pfiffe aus den eigenen Reihen gegen einzelne Spieler.
So viel Licht an diesem Abend – und doch ein Schatten, der nicht hätte sein müssen und hoffentlich nie wieder erscheint. Die DFB-Fans sollten sich darauf besinnen, dass ihre Unterstützung die Mannschaft trägt und nicht belastet. In einer Zeit, in der der Zusammenhalt wichtiger ist denn je, sind solche Aktionen kontraproduktiv und schaden letztlich dem gesamten Team.



