Irans Kapitän Mehdi Taremi war sichtlich aufgewühlt. Nach dem 1:1 gegen Ägypten im sogenannten Pride-Match der Fußball-WM packte er seine Gefühle in deutliche Worte. „Kleinigkeiten entscheiden die Spiele. Da sind Erholung und ein freier Kopf wichtig. Wir haben hier keinen klaren Kopf“, sagte der Stürmer mit Blick auf Reiseeinschränkungen und andere Widrigkeiten für seine Mannschaft. „Wir können es nicht immer für uns behalten. Wir sind der Iran. Manche mögen uns nicht. Aber wir fühlen.“
Furiose Schlussoffensive ohne Sieg
Die furiose Schlussoffensive des Iran mit einem in der Nachspielzeit wegen Abseits aberkannten Tor und zwei Lattentreffern hatte nicht zum Sieg geführt. Taremi schwankte zwischen Ärger und sportlicher Hoffnung. Trotz des verfehlten dreifachen Punktgewinns kann die Mannschaft von Trainer Amir Ghalenoei weiter auf den erstmaligen Einzug in die K.o.-Phase bei einer Fußball-WM hoffen. Mit Applaus verabschiedeten sich die Spieler von ihren Fans auf der Tribüne.
Iran hofft auf Achtelfinale
Der Iran belegt in der Abschlusstabelle von Gruppe G Rang drei. Seine drei Unentschieden könnten am Ende reichen, um zu den besten acht Gruppendritten des XXL-Turniers zu gehören. Es wäre der größte Erfolg der iranischen WM-Geschichte – und das vor dem Hintergrund des Krieges der USA und Israels gegen das Land. „Ich bin stolz auf sie“, sagte Ghalenoei über seine Spieler und ergänzte mit Blick auf die USA: „Die Gastgeber-Nation hat uns sehr unfair behandelt.“
Ägypten trifft auf Australien
Für Ägypten stand der Einzug ins Sechzehntelfinale schon vor dem Spiel fest. Dort ist Australien der Gegner. „Weiterzukommen bringt uns Stolz und Ehre“, sagte Coach Hossam Hassan. „Wir haben den Erfolg verdient, nach der harten Arbeit, die wir in die drei Spiele gesteckt haben.“ Im WM-Stadion von Seattle traf Mahmoud Saber für Ägypten (5. Minute). Ramin Rezaeian glich für den Iran aus (14.). Taremi scheiterte zudem mit einem Foulelfmeter an Ägyptens Torwart Ufa Schobeir (11.).
Protest gegen Pride-Label
Um das Spiel gibt es seit mehreren Monaten großen Wirbel. Die lokalen Organisatoren hatten schon vor der WM-Auslosung entschieden, die Partie im Rahmen des an diesem Wochenende stattfindenden Pride Fest als Pride Match auszurufen. Der Iran und Ägypten sind weit davon entfernt, die Werte des Pride Fest der LGBTQI+-Gemeinschaft zu teilen. Beide Nationen protestierten gegen das Label – erfolglos. „Unsere Religion akzeptiert das nicht, aber wir respektieren alle LGBTQI+-Menschen“, sagte Taremi. „Es ist ihre Idee, es geht nicht um uns. Wir sind hier, um Fußball zu spielen. Wir respektieren sie alle.“
Politische Untertöne im Stadion
Im Stadion und rund um die Arena war vom Pride Match nicht so viel zu sehen. Einige Fans trugen Regenbogenfahnen, waren bunt geschminkt. Dass sich die FIFA selbst nicht an Aktionen unter dem Pride-Motto beteiligen würde, war ohnehin klar gewesen. Mehr machte sich die politische Lage bemerkbar. Bei der iranischen Hymne waren im Stadion auch Pfiffe zu hören. Rund um die Spielstätte demonstrierten Menschen unter anderem für einen „Regimewechsel im Iran“, für Frieden dort und gegen die Politik von US-Präsident Donald Trump. Mitunter wurde es dabei hitzig. Auch das politische Verhältnis zwischen dem Iran und Ägypten ist kompliziert, auch wenn es sich zuletzt verbesserte.
Hohes Tempo und Dramatik
Auch auf dem Spielfeld ging es gleich emotional zur Sache. Ägypten nutzte seine erste Chance zur Führung. Iran-Torwart Alireza Beiranvand klärte zunächst nur unzureichend und wurde dann von Saber auch noch getunnelt. Der Iran hätte geschockt sein können, reagierte jedoch stark auf den frühen Rückschlag. Zunächst scheiterte Taremi vom Elfmeterpunkt noch an Schobeir. Dann ließ Rezaeian die iranischen Fans jubeln. Nachdem Schobeir einen Schuss zunächst noch pariert hatte, traf der 36-Jährige aus ganz spitzem Winkel. Es entwickelte sich ein ausgeglichenes Spiel. Beide Mannschaften hatten Abschlüsse. Immer wieder gab es aber auch Verletzungsunterbrechungen und störten den Spielfluss.
Salah angeschlagen ausgewechselt
Nach knapp einer Stunde nahm Hassan Offensivmann Mohamed Salah angeschlagen vom Feld. Große Sorgen um den 34-Jährigen macht sich sein Trainer aber nicht. Zwar stünden noch Untersuchungen aus, erklärte Hassan, sagte aber auch: „Als ich mit Salah gesprochen habe, hat er mir versichert, es wird okay sein.“ Tore bekamen die 66.925 Zuschauer im Stadion keine mehr zu sehen – dramatisch wurde es trotzdem, weil der Treffer von Shojae Khalilzadeh (90.+3) für den Iran wegen Abseits nicht zählte und das Team Latten-Pech hatte.



