Guadalajara zwischen Kartellgewalt und Fußballfest: WM-Stadt im Widerspruch
Guadalajara zwischen Kartellgewalt und Fußballfest

Kurz vor Schluss wurde es wieder höllisch laut im Stadion von Guadalajara. Das lag aber weder an den Uruguayern, die gegen das WM-Aus kämpften, noch an den Spaniern, die schon für die nächste Runde planten. Es lag vielmehr an den Einheimischen: „México!“ „México!“, schallte es von den Rängen.

Das war einerseits ein kleiner Protest gegen den Fußball, der trotz der hochklassigen Besetzung alles andere als weltmeisterlich war und mit Rudelbildung und Roter Karte zu Ende ging. Für die Gastgeber war es andererseits auch einfach die letzte Chance, sich selbst ein wenig zu feiern.

Denn nicht nur Uruguay nahm bei diesem drögen 0:1 Abschied von der WM. Es war auch das letzte Spiel in Guadalajara, das sich damit als erste Gastgeberstadt von dieser WM verabschiedete. Irgendwie hatten die Menschen hier auch einen besseren Abschluss verdient. Denn nach den teils schrecklichen Ereignissen der vergangenen Monate gab es wohl kaum eine WM-Stadt, die sich so sehr nach einem Fußballfest gesehnt hatte.

Breites Pickt-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App für Telegram

Fußballherz in Guadalajara: Vorfreude trotz Kriminalität

Wenn das Fußballherz dieser WM in Mexiko schlägt, dann ist der Puls wohl nirgendwo höher als in Guadalajara. Kaum eine Region steht so sehr für dieses Land wie der Bundesstaat Jalisco. Kaum ein Ort lebt Fußball so sehr wie die Stadt von Chivas und Atlas. „Jalisco ist Mexiko: Wir sind der mexikanischste WM‑Standort“ lautet das stolze Motto der Stadt, das in diesen Wochen an vielen Fassaden zu lesen ist.

Tatsächlich ist Jalisco so etwas wie das Altbayern von Mexiko: Vieles, was der Rest der Welt klischeehaft unter mexikanischer Kultur versteht, stammt in Wirklichkeit aus dieser Region. Die Mariachi-Musik wurde hier geboren. In den Cantinas trinkt man hier tatsächlich lieber Tequila als den sonst allgegenwärtigen Mezcal. Die Stadt Tequila mit ihren berühmten blauen Agave-Pflanzen liegt nur einige Kilometer westlich von Guadalajara.

Leider erfüllt die Hauptstadt von Jalisco aber auch ein ganz anderes Mexiko-Klischee. Denn Guadalajara ist seit einiger Zeit eine Hochburg für organisierte Kriminalität und Sitz des „Cartel Jalisco Nueva Generación“, das zu den mächtigsten Drogenkartellen des Landes gehört.

Die Eskalation im Februar: Straßen blockiert, Autos verbrannt

Zugespitzt hatte sich die Lage zuletzt im Februar, als der Chef des Kartells von mexikanischen Sicherheitskräften umgebracht wurde. Die Gruppe reagierte mit einer Machtdemonstration: In Guadalajara und der umliegenden Region wurden Hauptstraßen blockiert und Autos verbrannt. Schulen wurden tagelang geschlossen, es gab Panikkäufe in den Brotläden und manche Einwohner trauten sich erst eine Woche später aus ihren Häusern.

„Um ehrlich zu sein, hatten wir auch ein bisschen Angst wegen der Bilder von damals“, sagte am Freitag auch Spanien-Fan Consuela, die ursprünglich aus Torrelodones in der Nähe von Madrid kommt, aber seit elf Jahren in Mexiko-Stadt wohnt. Guadalajara habe sie und ihren Ehemann César bei diesem Besuch jedoch „positiv überrascht“: „Gott sei Dank hat sich alles beruhigt. Die Stimmung hier gefällt uns sehr.“

Damals fragten sich viele, ob die Stadt überhaupt in der Lage dazu sei, WM-Spiele auszutragen. In der Tat herrschte ein paar Monate später eine ganz andere Stimmung als im Februar. Am Mittwoch, als Mexiko sein letztes Gruppenspiel bestritt, waren die Straßen voll mit Flaggen, Trikots und hupenden Vuvuzelas. Nach dem 3:0-Sieg gegen Tschechien strömten die Menschen auf die Straßen, um bis spät in die Nacht zu feiern.

WM-Atmosphäre überlagert Sicherheitsbedenken

So ging es auch die ganze Woche weiter. Am Dienstag strahlten die Straßen gelb, als fast 50.000 Kolumbianer ins Stadion pilgerten. Am Donnerstag schauten die Touristen im kitschig-idyllischen Stadtteil Tlaquepaque entspannt auf der großen Leinwand zu, wie Deutschland gegen Ecuador verlor.

Unterschwellig blieb die Gefahr von Gewalt trotzdem präsent. An fast jedem zweiten Laternenmast hing etwa ein Plakat mit der Notrufnummer und einem sogenannten „Panik-Knopf“ darunter. Im Stadtzentrum fuhren vor dem Spiel Mexikos Militär-Jeeps mit bewaffneten Soldaten der Nationalgarde herum.

Der Widerspruch gehört hier dazu. Die Gewalt ist endemisch und, wie die Zahl der verschwundenen Menschen in Jalisco zeigt, kann es jeden treffen. Omnipräsent ist sie im Alltag aber keineswegs.

Pickt After-Article-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App mit Familien-Illustration

Einheimische und Fans: Gelassenheit trotz Risiko

„Es wird immer irgendwelche Europäer geben, die vor allem Angst haben“, sagte der Spanier Albano Sánchez, der aus Salamanca ins Stadion gereist war. „Am Ende passieren solche Sachen aber nicht jeden Tag. Ich hatte keine Angst, hierherzukommen.“

Ähnlich sah es der mexikanische Familienvater Hector, der schon sein Leben lang in Guadalajara lebt, die WM 1986 hier erlebt hat und nun seine drei Kinder mit ins Stadion brachte. „Diese hässliche Seite von der Stadt und dem Land gibt es tatsächlich, aber in den Nachrichten werden solche Sachen oft übertrieben. In Wirklichkeit ist Mexiko ein großes, wunderschönes Land, hier wird dir nichts passieren.“

In den vergangenen Wochen habe man hoffentlich eine ganz andere Seite von Guadalajara gesehen, fügte er hinzu. „In der ganzen Stadt sieht man Menschen aus aller Welt in ihren Trikots. Wir sind sowieso eine fußballbesessene Stadt, aber jetzt zum dritten Mal die WM austragen zu dürfen, ist etwas Außergewöhnliches.“

Ab Samstag ist es allerdings vorbei. Der WM-Zirkus zieht dann endgültig weiter. Und Guadalajara muss wieder in seinen widersprüchlichen mexikanischen Alltag zurück.