Neonazi-Anschlag 1984 in München: Neue Spuren im Fall Gruppe Ludwig
Neonazi-Anschlag 1984: Neue Spuren im Fall Gruppe Ludwig

Es ist die Nacht vom 7. Januar 1984. Im Nachtklub Liverpool in der Münchner Schillerstraße feiern mehrere Dutzend Menschen. Kurz vor Mitternacht werfen Vermummte brennende Benzinkanister in den Eingangsbereich. Flammen schlagen auf, acht Menschen werden verletzt. Die junge Barangestellte Corinna Tartarotti, 20 Jahre alt, erleidet schwerste Verbrennungen. Ein Kollege bringt sie in ein Krankenhaus. Wochenlang kämpft sie um ihr Leben – vergeblich. Am 27. April 1984 stirbt sie an ihren Verletzungen.

Neue Erkenntnisse einer italienischen Journalistin

Alessandra Coppola, Journalistin aus Mailand, hat sich mit der Terrorgruppe beschäftigt. Am Montag stellt sie in München neue Erkenntnisse aus ihrem Buch "Il fuoco nero" (Einaudi Verlag, bislang nur auf Italienisch) vor. Sechs Männer wurden 1983 bei einem Anschlag der Gruppe Ludwig in Mailand getötet – ein Fall, der zu wichtig ist, um in Vergessenheit zu geraten. "Wenn sich die Leute heute daran erinnern, dann auf die falsche Weise", sagt Coppola im AZ-Gespräch. Für sie Antrieb genug.

Die Gruppe Ludwig: Neonazis und ihr Netzwerk

Einige Zeit nach dem Anschlag in München geht bei der italienischen Presseagentur "Ansa" ein Bekennerschreiben der "Gruppe Ludwig" ein. Wie sich später herausstellt, tötete die Gruppe zwischen 1977 und 1984 mindestens 15 Menschen und verletzte viele weitere, die meisten in Norditalien. Mit dem Anschlag auf das "Liverpool" agierte sie erstmals außerhalb Italiens. Für die Taten verurteilt wurden Wolfgang Abel und Marco Furlan.

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Kritik an den damaligen Ermittlungen

Die Täter sahen sich als "Krieger des Lichts" im Kampf gegen Menschen, die sie für den moralischen Niedergang der Gesellschaft verantwortlich machten. "Im Liverpool wird nicht mehr gef***t", schreiben sie in ihrem Bekennerschreiben. "Eisen und Feuer sind die Strafen der Nazis." Das Liverpool wurde von Randgruppen besucht und galt als verrufen – ein Umstand, der die Ermittlungen lenkte. Der Brandanschlag wurde voreilig mit Rotlichtkriminalität in Verbindung gebracht. Die Polizei sprach von einem "blutigen Höhepunkt des Bandenkriegs in der Münchner Unterwelt". Die Presse – darunter auch die AZ – griff diese Deutung, rund um den "Anschlag auf die Sex-Disco", auf. Heute ist laut Alessandra Coppola klarer als je zuvor: Die Gruppe Ludwig bestand aus Neonazis.

Mehr noch: Coppola sieht die Gruppe im Kontext der damaligen neofaschistischen Bewegung – in gewisser Weise als deren verlängerten Arm. Doch Polizei und große Teile der Gesellschaft waren damals – wie schon bei der unzureichenden Aufklärung des Oktoberfestattentats vier Jahre zuvor – auf dem rechten Auge blind. Die Taten gerieten schnell in Vergessenheit.

Neue Spuren und offene Fragen

Eine weitere wichtige neue Erkenntnis: Die Täter handelten wohl nicht allein. "Es waren mindestens zehn Personen involviert", ist sich Coppola sicher. Die Angriffe der Gruppe Ludwig seien viel zu lange als Einzeltaten zweier geistesgestörter Täter dargestellt worden, sagt die Journalistin. Belastbare Beweise, die ausreichen würden, um die damaligen Täter heute noch vor Gericht zu bringen, fehlen nach so langer Zeit. Und Zeit bleibt kaum: Einige mutmaßliche Mittäter seien bereits gestorben, erkrankt oder leben im Ausland, so Coppola.

Immerhin: Die Recherchen haben dazu geführt, dass die italienischen Behörden Ermittlungen wieder aufgenommen haben. So könnte der rechte Terror wieder in den Fokus rücken. In München erinnert seit dem vergangenen Jahr eine Stele an Corinna Tartarotti. "Gegen das Vergessen" – das steht auch hier über allem.

Vortrag zur Gruppe Ludwig in München

Ein Vortrag mit dem Titel "Die 'Gruppe Ludwig' – Extrem rechte Gewalt in München und Italien" findet am 27. April von 18 bis 20 Uhr in der Juristischen Bibliothek im Rathaus, Marienplatz 8, statt. Die Anmeldung erfolgt per E-Mail an juristische.bibliothek@muenchen.de.

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