Interview: „Das Eis der Menschlichkeit ist dünn“ – Gedenken an KZ Dachau
„Das Eis der Menschlichkeit ist dünn“ – Gedenken an KZ Dachau

Mindestens 41.500 Menschen starben im Konzentrationslager Dachau. Am kommenden Sonntag jährt sich die Befreiung des KZ zum 81. Mal. Alexander Hold (Freie Wähler), II. Vizepräsident des Bayerischen Landtags, wird einer der Redner bei der zentralen Gedenkfeier sein. Im Interview mit der AZ spricht er über die Bedeutung der Zeitzeugen und des Erinnerns – und darüber, wie man Schülern heute und in Zukunft Wissen über den Holocaust vermitteln kann, auch wenn niemand mehr davon erzählen kann, der es selbst erlebt hat.

Die Stimmen der Überlebenden sind unersetzlich

AZ: Herr Hold, die Zahl der Überlebenden wird immer kleiner. Was bedeutet es Ihnen, einigen von ihnen persönlich noch begegnen zu können?

ALEXANDER HOLD: Die Stimmen derer, die das Unvorstellbare überlebt haben, sind unersetzlich, auch weil die Erzählungen aus eigenem Erleben über jeden Zweifel erhaben sind. Die Vorstellung, dass auch die Letzten in absehbarer Zeit verstummen werden, tut weh. Daher ist jede Chance, sie mit jungen Menschen zusammenzubringen, ein großes Geschenk für mich. Und ich bewundere Menschen wie den 98-jährigen Abba Naor dafür, dass sie ihr Leben in den Dienst des Erinnerns gestellt und dazu mit dem Land der Täter ihren Frieden gemacht haben.

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Das Eis der Menschlichkeit ist dünn

In letzter Zeit wird das Gedenken an die Shoah zunehmend attackiert oder auch missbraucht, von rechts oder etwa durch antisemitisch-pro-palästinensische Proteste. Was können Politik und Gesellschaft tun?

Wir müssen uns täglich bewusst sein, wie dünn das Eis der Menschlichkeit ist und wie schnell Menschen sich für Antisemitismus und Menschenverachtung gewinnen lassen. Wir dürfen einfach nicht dulden, dass berechtigte Kritik an israelischem Vorgehen als Vorwand für Judenfeindlichkeit missbraucht wird. Daher müssen wir jüdisches Leben in Deutschland konsequent schützen, antisemitische Umtriebe ebenso konsequent unterbinden und ahnden, aber auch die Erinnerung wachhalten. Und wir dürfen uns nicht nur mit der Geschichte befassen, sondern brauchen einen lebendigen Dialog mit den jüdischen Gemeinden zu den Themen von heute.

Wissen über den Holocaust – Warum reicht der Schulunterricht nicht?

Das Wissen über den Holocaust scheint immer mehr abzunehmen, obwohl es doch Thema in Schulen war und ist. Auch Sie engagieren sich, laden Zeitzeugen in Schulen ein. Warum scheint das nicht zu reichen?

Weil nicht mehr jeder Jugendliche Zeitzeugen live erleben kann, ist die Shoah für junge Menschen eben bloß Geschichte aus einer früheren Zeit. Selbst Besuche in den großen KZ-Gedenkstätten lassen diese Geschichte als etwas Fernes jenseits des eigenen Umfeldes erscheinen. Umso wichtiger ist es, dass wir die Erinnerungsorte vor der eigenen Haustüre mehr ins Bewusstsein holen. Überall gab es KZ-Außenlager, Unternehmen, die Zwangsarbeiter beschäftigten, Häuser, aus denen Menschen deportiert wurden, Gerichte und Behörden, in denen Unrecht geschah. All diese Orte können davon erzählen, dass der Judenhass kein Phänomen eines fernen Regimes war.

Die Worte „Nie Wieder“ in unterschiedlichen Sprachen sind auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte Dachau zu sehen.

Hinweise zu Veranstaltungen

Themenrundgang „Die Befreiung des KZ Dachau“ am 2. Mai von 14 bis 16.30 Uhr. Anmeldung am Veranstaltungstag an der Infotheke des Besucherzentrums der KZ-Gedenkstätte Dachau bis spätestens 13.45 Uhr. Teilnahme vier Euro, ermäßigt zwei Euro. Ab 13 Jahren.

Gedenkfeier zum 81. Jahrestag der Befreiung des KZ Dachau am 3. Mai ab 9.15 Uhr. Programm unter https://www.kz-gedenkstaette-dachau.de/veranstaltungen/81-jahrestag-der-befreiung-des-kz-dachau/

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