Riesen-Rechenzentrum in Ostdeutschland geplant: Anwohner wehren sich
Riesen-Rechenzentrum in Ostdeutschland: Anwohner wehren sich

Europas größtes Rechenzentrum in Ostdeutschland geplant

In der Gemeinde Freyenstein im Landkreis Ostprignitz-Ruppin wächst der Widerstand gegen die Pläne für einen riesigen Rechenzentrumscampus. Die Initiatoren betonen jedoch, dass es sich derzeit lediglich um erste Ideen handelt. Auf einer Ackerfläche zwischen Meyenburg und Wittstock könnte eines der größten Rechenzentren Europas entstehen. Die Anwohner machen bereits im Vorfeld mobil.

Widerstand in Freyenstein

„Wir befürchten, dass wir unsere Heimat nicht wiedererkennen“, sagt Stefan Finke, der seit 40 Jahren in dem 800-Einwohner-Ort lebt und Sprecher der Bürgerinitiative ist. Zwei Firmen, die NOYA-Generalplanung und Projektmanagement GmbH aus Frankfurt am Main und Serban DC aus München, planen den Bau. Die Gesamtfläche soll 144 Hektar betragen, das entspricht etwa 200 Fußballfeldern. Davon sollen rund 60 Hektar bebaut werden. Zwischen den Gebäuden und dem Ort ist eine Pufferzone von rund einem Kilometer vorgesehen.

Hinter beiden Firmen stehen offenbar dieselben Personen. Geschäftsführer Serdal Güzel nennt zwei Hauptgründe für den Standort: verfügbare Flächen und die nahe 380-Kilovolt-Leitung. Entlang der Landesstraße 14 zwischen Freyenstein und Neu Cölln könnten bis zu 20 Gebäude mit einer Höhe von jeweils etwa 27 Metern entstehen. Geplant sind Server, Datenleitungen und Kühltechnik in großer Dichte.

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Investitionen und Arbeitsplätze

Die Entwickler verweisen auf die Rechenzentrumsstrategie der Bundesregierung, die im März beschlossen wurde. „Die Skandinavier sind uns um Welten voraus“, sagt Güzel. Nach Angaben der Projektentwickler könnten durch den Campus rund 1200 Arbeitsplätze entstehen, vom Hausmeister über Sicherheitsdienste bis zu IT-Fachkräften. Das Investitionsvolumen beziffern sie mit etwa 25 Milliarden Euro: rund 9 Milliarden für den Bau, weitere 16 Milliarden für technische Ausstattung wie Server und Datenleitungen. Ein eigenes Umspannwerk ist vorgesehen, um mehr als ein Gigawatt Strombedarf zu decken.

Die Stromversorgung ist jedoch noch offen. Unklar ist, ob ein Anschluss an die 380-Kilovolt-Leitung möglich ist. Vorgespräche mit dem Netzbetreiber 50 Hertz und Analysen deuteten auf freie Kapazitäten hin, sagt Güzel. Gespräche mit dem Energieversorger stünden aus. Bereits zuvor scheiterte ein ähnliches Vorhaben im „Temnitzpark 2.0“ bei Neuruppin an der A24, weil nicht genügend Strom verfügbar war.

Sorgen der Anwohner

Viele Anwohner in Freyenstein äußern Sorgen. „Wir wollen unsere Heimat erhalten: Natur, Straßen, Häuser, Ruhe, Platz und Geschichte“, sagt Finke. Der Ort sei bereits von rund 50 Windrädern umgeben, eine Biogasanlage verursache Lärm, Photovoltaikflächen prägten die Umgebung. „Jetzt soll hier ein Industriestandort entstehen? Wir sagen nein.“

In einer Fragerunde ging es um Gewerbesteuer, Nutzung von Abwärme, Auswirkungen auf Natur und Umwelt sowie Sicherheit. Stefan Finke sprach von „Dateninformationen als dem neuen Öl“ und fragte, ob der Ort zum Ziel werden könnte und militärische Schutzmaßnahmen nach sich zöge. Ein Anwohner kritisierte die Wasserfrage: Sein Brunnen liefere schon jetzt kaum Wasser. Jörg Möller, Berater der Entwickler, entgegnete, moderne Rechenzentren hätten keinen hohen Wasserbedarf. Früher seien in den USA Kühltürme mit Wasser genutzt worden. In Deutschland arbeite man mit Luftkühlung in Ringsystemen, die einmalig befüllt würden. Heute werde häufiger auf sogenanntes Liquid-Cooling gesetzt, bei dem Chips direkt auf den Platinen mit Öl gekühlt würden. Die Abwärme könne für die Wärmeversorgung umliegender Orte genutzt werden.

Viele Freyensteiner überzeugt das nicht. Sie kritisieren die weitere Flächenversiegelung, Lärm und Dreck durch die Bautätigkeiten und die Überlastung der ohnehin bereits maroden Straße durch den Ort. Ortsvorsteherin Christa Ziegenbein will schauen, was für ihre Kommune herauszuholen sei. Es fehle an Geld, Einnahmen könnten helfen, „aber nicht um jeden Preis“. In der bisher publizierten Form hält sie das Projekt für überdimensioniert.

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Stellungnahme der Stadt Wittstock

„Von einer möglichen Ansiedelung eines Rechenzentrums würde nicht nur unsere Stadt mit ihren 18 Orts- und sieben Gemeindeteilen profitieren, sondern die gesamte Region“, heißt es auf Nachfrage der Redaktion in einer Stellungnahme der Stadt Wittstock/Dosse, zu der Freyenstein gehört. „Die Aussicht auf Investitionen und Arbeitsplätze sowie die damit verbundenen finanziellen, wirtschaftlichen und demografischen Verbesserungen wären für uns als Kleinstadt im ländlichen Raum natürlich sehr interessant.“ Mit einer möglichen Aufstellung eines B-Planes sei man als Stadt beteiligt und werde etwaige auftauchende Nachteile möglichst verhindern.

Weiteres Vorgehen

Die Entwickler wollen das Vorhaben weiter verfolgen. Es wäre ein Bebauungsplanverfahren nötig, an dem die Öffentlichkeit erneut beteiligt würde. Läuft alles nach Plan, könnten Ende 2029 oder Anfang 2030 die ersten Bauarbeiten starten. Die Bürgerinitiative kündigt an, weiter mobil zu machen und den Bau zu verhindern. „Wir sind nicht gegen Fortschritt, aber Freyenstein ist der falsche Ort“, sagt Sprecher Finke. Eine entsprechende Online-Petition hat bisher rund 1200 Unterschriften gesammelt.