Immer mehr New Yorker Juden beantragen deutsche Staatsbürgerschaft
New Yorker Juden beantragen deutsche Staatsbürgerschaft

Immer mehr Nachfahren von NS-Verfolgten in New York beantragen die deutsche Staatsbürgerschaft. Allein 2024 gingen 1.771 Anträge auf Wiedergutmachungseinbürgerung beim deutschen Konsulat ein – ein Anstieg um mehr als 140 Prozent gegenüber 2022, als es 734 Anträge waren. Für viele ist dieser Schritt eine Rückkehr zu den eigenen Wurzeln, aber auch eine Absicherung in unsicheren Zeiten.

Einbürgerungszeremonie auf der Gorch Fock

Im New Yorker Hafen fand an Bord des deutschen Segelschulschiffs Gorch Fock eine feierliche Einbürgerungszeremonie statt. Mehrere jüdische Nachkommen von NS-Verfolgten nahmen dort ihre deutsche Staatsangehörigkeit an. Der Kapitän der Gorch Fock sagte zu den Versammelten: „Die Tatsache, dass Sie heute hier sind und Ihre deutsche Staatsbürgerschaft zurückerhalten, ist ein Moment der Würde und der Versöhnung.“

Carolyn Oliner, Enkelin der in Auschwitz ermordeten Charlotte Michel, trug bei der Zeremonie eine Brosche ihrer Großmutter um den Hals. „Seit ich geboren wurde, habe ich Geschichten über Deutschland gehört, den Verlust und die fehlende Verbindung. Jetzt und heute bin ich wieder damit verbunden. Das ist wirklich eindrucksvoll“, sagte sie. Ihr Großeltern und ihrer Mutter war die deutsche Staatsangehörigkeit 1941 formal entzogen worden.

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Antragszahlen steigen deutlich

Die Wiedergutmachungseinbürgerung ermöglicht Nachkommen von NS-Verfolgten, die deutsche Staatsbürgerschaft zu erhalten. Die Antragszahlen sind in den vergangenen Jahren stark gestiegen: von 734 im Jahr 2022 auf 1.357 im Jahr 2023 und schließlich 1.771 im Jahr 2024. Ein Grund dafür ist eine Gesetzesänderung von 2021, die den Kreis der Berechtigten erweitert hat. Seither können auch jene Deutsche werden, die die Staatsangehörigkeit wegen NS-Verfolgung nie erworben oder sie durch den Erwerb einer fremden Staatsangehörigkeit verloren haben.

Um die deutsche Staatsangehörigkeit zu erhalten, müssen die Nachkommen die Geschichte ihrer Familie und die Verfolgung dokumentieren. Für Carolyn Oliner war das ein ambivalenter Prozess: „Es hat lebendig werden lassen, was ich über meine Geschichte wusste. Aber es war auch ernüchternd, auf die Sterbeurkunde meines Großvaters aus Auschwitz zu stoßen.“

Persönliche Geschichten der Antragsteller

Auch Eugene Wolff entschied sich für die Einbürgerung und stand nach einem zweijährigen Prozess an Bord der Gorch Fock. „Es ist wie eine archäologische Ausgrabung gewesen“, sagte er. Er habe Dokumente aus Köln und aus Orten in Polen besorgt. Sein Großvater floh in den 1930er Jahren vor den Nazis und habe ihn immer motiviert, seinen Anspruch geltend zu machen. Die deutsche Staatsangehörigkeit sei für ihn vor allem „eine schöne Art, an meinen Großvater zu erinnern“.

Naomi Huth, ebenfalls neu eingebürgert, erzählte, ihre Großmutter habe oft von ihrer Kindheit in Deutschland gesprochen, hätte die Annahme der deutschen Staatsbürgerschaft aber nicht verstanden. „Aber für mich ist es eine Möglichkeit, meine Herkunft zu würdigen“, so Huth. Karen Adler sieht die Einbürgerung als „Wiederverbindung mit meinen deutschen Wurzeln“. Sie sei mit einem positiven Deutschland-Bild aufgewachsen: „Mein Vater liebte wirklich alles Deutsche, obwohl er vertrieben worden war.“

Absicherung in unsicheren Zeiten

Die Zunahme der Anträge fällt mit der Rückkehr von Donald Trump ins Weiße Haus und einer angespannten politischen Atmosphäre in den USA zusammen. Umfragen zeigen, dass sich viele US-amerikanische Jüdinnen und Juden heute weniger sicher fühlen als noch vor einigen Jahren. Für manche Nachfahren NS-Verfolgter ist die deutsche Staatsangehörigkeit daher nicht nur ein Akt historischer Wiedergutmachung, sondern auch eine Form der Absicherung. Karen Adler sagte: „Wir sind nicht begeistert von dem, was in den Vereinigten Staaten vor sich geht.“

Die Erfahrung der Staatenlosigkeit ist in vielen Familien noch lebendig. Hunderttausende Jüdinnen und Juden verloren durch NS-Gesetze ihre Staatsangehörigkeit. Nach Kriegsende wurden viele weitere staatenlos, ohne Pass und gesicherten Rechtsstatus. Carolyn Oliner fasste die Bedeutung des Tages zusammen: „Es erkennt an, dass wir nicht dazukommen, sondern wir kommen zurück.“ In ihrer Tasche trug sie ein gerahmtes Schwarz-Weiß-Bild ihrer Großeltern bei ihrer Hochzeit im rheinland-pfälzischen Andernach.

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