Im blitzblauen Blazer, mit abgekämpftem Gesichtsausdruck und ohne die weltbekannte Raute – so hat sich Angela Merkel malen lassen. Das Gemälde, das am Dienstag erstmals in Berlin vorgestellt wurde, wird bald in der Porträtgalerie des Kanzleramts hängen. Es ist Teil eines Vermächtnisses, das die Altkanzlerin seit ihrem Abschied sorgfältig pflegt.
Tatsächlich erfreut sich Merkel bis heute großer Beliebtheit. Für viele bleibt sie die besonnene Krisenmanagerin, die Deutschland sicher durch schwierige Zeiten geführt hat. Vor allem bei jüngeren Menschen ist eine Art Merkel-Nostalgie eingekehrt: Fast ein Drittel der 18- bis 29-Jährigen will sie einer Umfrage zufolge als Kanzlerin zurück.
Ein wenig schmeichelhafter Befund
Dabei gehört zu Merkels Vermächtnis inzwischen ein anderer, wenig schmeichelhafter Befund: Deutschland hat während ihrer Amtszeit zu lange von seiner Substanz gelebt. Die Infrastruktur verfiel, die Digitalisierung wurde vielerorts verschlafen. Unpopuläre Strukturreformen wurden vertagt, schließlich waren die Staatskassen voll, die Exportwirtschaft brummte.
Merkel hinterließ ihren Nachfolgern damit einen Reformstau. Unübersehbar wird dieser gerade durch die fortschreitende Überalterung der Gesellschaft in den Sozialsystemen. Ausgerechnet Friedrich Merz, der als Kanzler nun die Verantwortung trägt, muss diesen Reformstau auflösen, wenn er politisch überleben will. Der Erfolg des Koalitionsausschusses entscheidet mit über sein Vermächtnis.
Herausforderungen für Merz
Die Erwartungen an Merz sind hoch. Er muss nicht nur die wirtschaftlichen Weichen neu stellen, sondern auch die sozialen Sicherungssysteme zukunftsfest machen. Die Alterung der Bevölkerung belastet die Renten- und Pflegeversicherung zunehmend. Ohne tiefgreifende Reformen droht ein Kollaps der Systeme.
Gleichzeitig steht Merz unter Druck, die marode Infrastruktur zu erneuern und die Digitalisierung voranzutreiben. Viele Projekte, die unter Merkel verschleppt wurden, harren nun der Umsetzung. Der Koalitionsausschuss ist dabei ein entscheidendes Gremium, um die notwendigen Beschlüsse zu fassen und den Reformstau aufzulösen.
Ob Merz zum Reformkanzler taugt, wird sich in den kommenden Monaten zeigen. Die Bürger beobachten genau, ob er die Weichen für eine nachhaltige Zukunft stellen kann oder ob er an den gleichen Hindernissen scheitert wie seine Vorgängerin.



