Die Sicherheitsbehörden in Deutschland verzeichnen einen deutlichen Anstieg extremistischer Einstellungen, insbesondere im rechten Spektrum. Laut dem Jahresbericht des Bundesamtes für Verfassungsschutz (BfV) wurden 2025 bundesweit 58.700 Menschen dem rechtsextremistischen Personenpotenzial zugerechnet – ein Plus von 8.450 im Vergleich zum Vorjahr. Dieser Zuwachs ist größtenteils auf die gestiegenen Mitgliederzahlen der AfD zurückzuführen, die vom BfV als Verdachtsfall beobachtet wird. Die Partei hatte im Oktober 2025 rund 70.000 Mitglieder, von denen der Verfassungsschutz etwa 28.000 als Rechtsextremisten einstuft.
Zunahme minderjähriger Extremisten und Online-Radikalisierung
Besondere Sorgen bereitet den Behörden die steigende Zahl minderjähriger Rechtsextremisten und Salafisten, die sich häufig über das Internet radikalisieren. Verfassungsschutzpräsident Sinan Selen betont: „Wir sehen eine programmatische und personelle Kontinuität hin zur Generation Deutschland.“ Dies bezieht sich auf die Auflösung der Jungen Alternative und die Gründung einer neuen AfD-Nachwuchsorganisation. Auch Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) hebt hervor, dass Mitteilungen zu Anschlagsplanungen im Jahr 2025 zugenommen haben, ebenso wie die Zahl gewaltbereiter Extremisten in beiden politischen Lagern.
Linksextremismus: Schwer zu durchdringende Strukturen
Im linksextremistischen Spektrum ordnete das BfV 2025 insgesamt 42.200 Personen zu, nach rund 38.000 im Vorjahr. Die Szene gilt als hochkonspirativ. „Wir haben es hier mit hochkonspirativen Strukturen zu tun“, erklärt Selen. Der Bericht enthält wenig konkrete Informationen zu den Tätern hinter Anschlägen auf die Stromversorgung und Bahninfrastruktur. Dort heißt es: „Es lässt sich annehmen, dass sich hinter den ‚Vulkangruppen‘ ein Netzwerk verbirgt.“ Diese Gruppen nutzen den Namen als Label, ideologisch sind sie dem gewaltorientierten anarchistischen Spektrum zuzuordnen. Verbindungen zwischen den einzelnen Strukturen sind nicht auszuschließen.
Zusammenhang zwischen Rechtsruck und linkem Militanz
Der Verfassungsschutz sieht einen Zusammenhang zwischen Entwicklungen im rechten Spektrum und dem Zulauf linksextremistischer Gruppen. Im Jahresbericht heißt es: „Aufgrund des von der Szene wahrgenommenen 'Rechtsrucks' in der Gesellschaft ist davon auszugehen, dass der 'militante Antifaschismus' seine wichtige Rolle behalten und es weiterhin zu einer Vielzahl von linksextremistisch motivierten Straf- und Gewalttaten in diesem Kontext kommen wird.“
Auswirkungen internationaler Konflikte
Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine hat laut BfV nicht nur zu mehr Spionage, Sabotage und Desinformation durch Russland geführt, sondern auch den Linksextremismus befeuert. Straftaten werden unter Berufung auf „antimilitaristische Gründe“ begangen. Der Nahostkonflikt erzeugte 2025 erneut ein hohes Mobilisierungspotenzial im islamistischen Spektrum, obwohl sich Anhänger von Hamas und Hisbollah mit öffentlichkeitswirksamen Aktionen weitgehend zurückhielten. Islamisten verschiedener Couleur nahmen teilweise an Demonstrationen teil, die von Linksextremisten oder auslandsbezogenen Extremisten organisiert wurden.
Auslandsbezogener Extremismus und Sabotage
Zum auslandsbezogenen Extremismus zählt das BfV Organisationen wie die palästinensische PFLP, die kurdische PKK und Gruppierungen der türkisch-nationalistischen „Ülkücü“-Bewegung (Graue Wölfe). Im Bericht heißt es: „Teile der unorganisierten 'Ülkücü'-Bewegung schließen sich in rockerähnlichen Vereinigungen oder anderen, meist kurzlebigen Kleinststrukturen zusammen.“ Diese haben häufig Verbindungen zu kriminellen Milieus. Bei Sabotageaktivitäten der vergangenen vier Jahre deuten Hinweise auf Russland, doch das BfV warnt vor vorschnellen Schlussfolgerungen. Die Vorgehensweise sei bewusst so angelegt, dass eine Unterscheidung von tatsächlich durch Russland gesteuerten Sabotageakten und sonstigen Vorfällen erschwert werde. Ziel sei es, „Verunsicherung hinsichtlich hybrider Aktionen Russlands zu schüren sowie von einer aufgeregten öffentlichen Debatte zu profitieren“.
Minister Dobrindt fordert Aufrüstung der Geheimdienste
Innenminister Dobrindt hält ausreichend Personal für wichtig und fordert mehr Befugnisse für den Verfassungsschutz, insbesondere im digitalen Raum. Im Vorwort des Jahresberichts dankt er den 4.649 Mitarbeitern des BfV – ein deutlicher Anstieg gegenüber 2.813 im Jahr 2015. Er ist überzeugt, „dass wir weiter aufrüsten müssen“ – sowohl technisch als auch bei den Befugnissen, damit BfV und Bundesnachrichtendienst (BND) „zu echten Geheimdiensten werden“.



