Cottbus: Rechte Gewalt eskaliert – Pfarrer schildert bedrückende Lage
Cottbus: Rechte Gewalt eskaliert – Pfarrer berichtet

Rechtsextremismus in Cottbus: „Die Lage ist sehr ernst“

In Cottbus kommt es immer wieder zu rechtsextremistischen Übergriffen. Sogar ein Pfarrer wurde angegriffen. Die Stimmung in der Stadt ist angespannt, und die Zivilgesellschaft fühlt sich bedroht. Ein Bericht über die aktuelle Situation.

Die Lage in Cottbus

Lukas Pellio, Studentenpfarrer in Cottbus, muss einen Moment überlegen, als er gefragt wird, ob die Lage in der Stadt gekippt sei. „Ist die Lage in Cottbus gekippt, Herr Pellio?“, lautete die Frage. „Sind Sie in Cottbus in der Minderheit?“ Seit Wochen kommt es in der Universitätsstadt in der Lausitz immer wieder zu rechten Angriffen. Pellio, der sich in verschiedenen zivilgesellschaftlichen Bündnissen engagiert, macht seit Langem darauf aufmerksam. An der Tür der Cottbuser Synagoge wurden Hakenkreuzschmierereien entdeckt, ein linkes Wohnprojekt wurde Ziel eines Brandanschlags, und eine bei den Linken engagierte Person wurde kürzlich angegriffen.

Persönliche Erfahrungen mit rechter Gewalt

Auch Pellio selbst hat persönliche Erfahrungen mit rechten Angriffen. Der Verfassungsschutz berichtet seit Langem von gefestigten rechtsextremen Strukturen in der Stadt. Bereits vor mehr als zehn Jahren wurde die Unterwanderung der Fanszene von Energie Cottbus durch Rechtsextreme sichtbar. Haben die Rechten in der Stadt also mittlerweile die Oberhand gewonnen? „Ich weiß nicht, wann man sagen würde, dass es gekippt ist, oder woran man einen Kipppunkt festmachen würde“, antwortet Pellio. „Die Lage ist auf jeden Fall sehr ernst – aber ich tue mich schwer mit der Frage, denn ich weiß, wie viele ganz engagierte Menschen es in Cottbus gibt, die sich seit Jahren und Jahrzehnten für die Demokratie und gegen Rechtsextremismus und Rassismus engagieren.“

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So viele Anschläge wie schon lange nicht mehr

Doch so viele Anschläge wie in jüngster Zeit habe es nach seiner Wahrnehmung in Cottbus schon lange nicht mehr gegeben. „Aktuell fühlen wir uns als demokratisch-zivilgesellschaftlich engagierte Menschen einfach nicht mehr sicher“, sagt Pellio. „Das ist leider so.“ In der Lausitz gebe es schon lange eine Situation, in der es nicht nur eine hohe Zahl rechter Gewaltvorfälle, sondern auch eine „alltägliche Dominanz rechter Meinungen und Strukturen“ gebe.

Strukturwandel in der Lausitz

Für das Land Brandenburg kommen solche Beobachtungen zur Unzeit. Denn in der ehemaligen Braunkohleregion Lausitz und ihrer Hauptstadt Cottbus läuft der Strukturwandel auf Hochtouren. Ein neues Bahnwerk ist entstanden, eine neue medizinische Universität wurde gegründet. Junge Studierende, kreative Wissenschaftler und moderne Hightech-Arbeitsplätze – das sind die Bilder, die die Landesregierung in Cottbus gern erzeugen möchte. Dieses Bild der Lausitz will auch Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) nach außen verkaufen. Rechte Übergriffe stören da. „Das ist nicht gut für eine Region, die auf eine breit angelegte Arbeitnehmerschaft und kluge Köpfe angewiesen ist“, sagt der CDU-Landtagsabgeordnete Prof. Michael Schierack. „Die Vielfalt ist wichtig für die Region: Wir brauchen einen weltoffenen, inspirativen Geist.“ Einen Anstieg der rechten Vorfälle in Cottbus sieht der Mediziner indes nicht. „Ich will die Angriffe auf Menschen, die für Demokratie und Vielfalt stehen, nicht kleinreden“, sagt Schierack. „Aber auf dem Höhepunkt der Flüchtlingswelle war es schlimmer.“

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Demo gegen rechte Gewalt geplant

Am Donnerstag, dem 30. April, soll es in Cottbus eine große Demonstration gegen rechte Gewalt geben. Vorher schon wollen sich Innenminister Jan Redmann (CDU) und Kulturministerin Manja Schüle (SPD) mit Vertretern der jüdischen Gemeinde und der Zivilgesellschaft treffen. „Die vergangenen Tage haben gezeigt, was auf dem Spiel steht“, sagt Schüle. „Nicht nur für Cottbus, sondern für uns alle.“ Jeder Mensch – unabhängig von Herkunft, Glaube, Hautfarbe oder politischer Überzeugung – habe das Recht, in Würde und ohne Angst zu leben. „Das ist das Fundament unserer Gesellschaft, niedergeschrieben im Grundgesetz, erkämpft aus der Erfahrung des Schreckens im Nationalsozialismus“, so die Ministerin. „Wer Menschen einschüchtert oder attackiert, verletzt dieses Fundament, greift uns alle an – und schadet uns allen.“ Denn genau jetzt baue die Lausitz ihre Zukunft: „mit internationalen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, mit Studierenden aus aller Welt, mit Fachkräften, die hierherkommen und bleiben sollen“, so Schüle. „Eine Medizin-Universität, die die Welt nach Cottbus einlädt. Eine BTU, die auf internationale Köpfe angewiesen ist. Ein Lausitz Science Park, der Spitzenforschung anziehen soll.“ Das alles funktioniere nur in einer offenen, einladenden Region.

Christlicher Glaube hilft Pfarrer

Studentenpfarrer Pellio indes hofft darauf, dass es auch in Cottbus zu Veränderungen kommen kann. „Ich habe eine tiefe Grundüberzeugung, dass die Kreuzeserfahrung nicht am Ende steht“, sagt Pellio. „Ich vertraue darauf, dass Liebe und Verbundenheit am Ende stärker sind als die rechte Gewalt, die ja eine inhaltlich leere Sache ist.“ Dass ein Wandel und eine Umkehr möglich seien. „Ich glaube daran, dass Leute nicht ihr ganzes Leben lang Gewalt ausüben oder in irgendwelchen rechtsextremen Strukturen gefangen sein müssen.“ Ihm persönlich sei der Fall eines Menschen bekannt, der erfolgreich aus der rechten Szene ausgestiegen sei. „Und davon brauchen wir in Cottbus mehr.“