Wende in der Bundeswehr: Nach FCAS-Debakel bietet Kampfjet-Allianz Merz überraschendes Angebot
Berlin. Wer schließt die Lücke nach dem Aus für den deutsch-französischen Kampfjet? Der Kanzler hat nun ein Angebot auf dem Tisch. Von Christian Kerl, Korrespondent
Das größte Rüstungsvorhaben Europas ist gescheitert: Das von Deutschland erzwungene Aus für das gemeinsame Milliardenprojekt des FCAS-Kampfjets sorgt in Frankreich für Bitternis und Enttäuschung. In der deutschen Politik und Industrie herrscht dagegen Aufbruchstimmung. Relativ schnell wird jetzt geklärt, wie die Bundeswehr die Lücke für ein Hightech-Kampfflugzeug der Zukunft schließen kann. Die Industrie steht bereit. Ein deutsches, von Airbus geführtes Konsortium hat bereits Pläne erarbeitet. Durchaus möglich, dass Deutschland nun federführend ein eigenes Kampfflugzeug entwickelt.
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) dürfte schon am Mittwoch, wenn er die Internationale Luft- und Raumfahrtausstellung (ILA) in Berlin eröffnet, einen Hinweis geben, wohin die deutschen Rüstungsmilliarden fließen könnten. Doch haben Merz und die Bundesregierung mehrere Optionen.
Klar ist: Die Bundeswehr braucht eine Alternative zum FCAS-Kampfjet, der spätestens Anfang der 2040er-Jahre den Eurofighter ersetzen sollte. Möglicherweise wird es zunächst eine Übergangslösung geben: In der Luftwaffe wuchsen angesichts von Verzögerungen des Gemeinschaftsprojekts ohnehin Zweifel, dass der FCAS-Jet fristgerecht abheben würde. Deshalb wird nach Informationen unserer Redaktion seit Längerem erwogen, nun verstärkt auf den US-Tarnkappen-Kampfjet F-35 zurückzugreifen, das weltweit modernste Kampfflugzeug der fünften Generation. Zu den 35 bereits bestellten F-35-Kampfjets für rund zehn Milliarden Euro könnten noch weitere Maschinen geordert werden. Denkbar ist auch der Versuch, den Eurofighter mit einer modernisierten Version noch etwas länger zu nutzen, obwohl die Bundeswehr die Maschinen eigentlich ausmustern wollte.
Neue Luftfahrtstrategie soll deutsche Industrie stärken
Was folgt danach? Das Aus für FCAS, das „Future Combat Air System“, bietet die Chance, das Anforderungsprofil für einen Kampfjet der sechsten Generation völlig neu zu bestimmen – und der deutschen Industrie eine führende Rolle bei militärischen Luftfahrtprojekten zu sichern, wie es das Bundeskabinett nicht zufällig an diesem Mittwoch in einer neuen nationalen Luftfahrtstrategie ankündigen will. Das bisherige Problem, das ein Grund für das Scheitern des Projekts ist: Die Anforderungen der französischen und deutschen Luftwaffe passen nicht zusammen.
Das Grundkonzept für das Luftkampfsystem ist zwar nach wie vor tragfähig: Geplant war ein gemeinsames Kampfflugzeug, begleitet von Drohnenschwärmen und anderen unbemannten Systemen. Hinzu kommt die digitale Vernetzung von Flugzeug, Waffen und Sensoren in einer „Combat Cloud“. Gerade diese Vernetzung zu einem „Nervensystem“ gilt als wichtiger technologischer Sprung, der den Piloten in komplexen Gefechtssituationen entlasten könnte. Aber abgesehen von Reibereien zwischen den Herstellern Airbus und der französischen Rüstungsschmiede Dassault litt das Projekt auch an unterschiedlichen Erwartungen in Berlin und Paris.
Frankreich braucht ein Flugzeug, das die französischen Atom-Marschflugkörper transportieren und damit den Rafale-Jet ersetzen kann; es muss wie der Rafale auch von Flugzeugträgern operieren können. Die Anforderungen erhöhen das Gewicht des Flugzeugs, beschränken zugleich die Reichweite. Die deutsche Luftwaffe dagegen braucht ein größeres Jagdflugzeug mit größerer Reichweite, das im Konfliktfall über die Nato-Ostgrenze hinaus operieren könnte. Es muss extrem beweglich und im Luftkampf überlegen sein, wirksame Waffen tragen und gegnerische Systeme ausschalten können.
Vier Optionen für die Zukunft
Dafür gibt es nun vier Optionen: Einiges spricht dafür, dass Deutschland einen eigenen Kampfjet der sechsten Generation entwickelt oder zumindest die Federführung übernimmt. Merz hat entsprechende Signale schon vor Monaten gegeben. Airbus mit seiner deutschen Militärsparte hat bereits vor einiger Zeit die Bereitschaft erklärt, im besten Fall bis Mitte oder Ende des nächsten Jahrzehnts ein eigenes Kampfflugzeug zu bauen. Nun geht Airbus als Teil eines deutschen Industriekonsortiums voran: Der Flugzeugbauer, bislang mit dem Eurofighter erfolgreich, könnte nach neuesten Plänen zusammen mit den Unternehmen Diehl Defence, Hensoldt, Liebherr, Raketenbauer MBDA, Triebwerkhersteller MTU Aero Engines und Rohde & Schwarz eine neue Kampfjet-Allianz bilden.
Die Gruppe, über die zuerst die britische „Financial Times“ berichtete, wird ihr Konzept schon am Donnerstag bei der ILA in Berlin vorstellen. Merz ist informiert, das Konsortium „Team Gen 6“ hat ihm und Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) zu Beginn der Woche in einem Schreiben das Konzept vorgestellt. Doch gab es bisher unter Verteidigungsexperten Bedenken an einem deutschen Alleingang wegen der enormen Kosten und auch der starken europäischen Konkurrenz, die die Exportchancen schmälern könnte. In Europa würden so wohl mindestens vier Kampfjet-Typen der sechsten Generation entwickelt – während europäische Politiker die Notwendigkeit von Rüstungskooperationen beschwören.
Eine Option ist deshalb, dass sich die deutsche Kampfjet-Allianz starke europäische Partner an Bord holt. Viel spricht für eine deutsch-schwedische Lösung mit dem schwedischen Rüstungskonzern Saab, dem Hersteller des Gripen-Kampfjets. Saab-Chef Michael Johannson hat schon erklärt: „Wir stehen bereit für einen gemeinsamen Kampfjet mit den Deutschen – wenn es ein klares politisches Bekenntnis beider Regierungen gibt.“ Bei diesem Projekt könnte auch Spanien, der dritte Partner des gescheiterten FCAS-Vorhabens, mitmachen.
Eine weitere Option ist, dass Deutschland sich mit Großbritannien, Japan und Italien zusammentut. Die drei Länder arbeiten bereits am Projekt Global Combat Air Programme (GCAP), um einen Tarnkappen-Bomber zu entwickeln. Deutschland könnte wohl mitmachen, hätte aber das Problem, dass die Vorbereitungen der drei Partner schon weit vorangeschritten sind – die Rolle wäre also unklar.
Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) räumt jetzt ein, dass bereits seit Monaten über mögliche Kooperationen Gespräche geführt werden. Doch betont Pistorius auch, das Ende des FCAS-Projekts schmerze ihn sehr, denn die deutsch-französische Zusammenarbeit in Europa sei wichtig.
Deutsch-französische Kooperation soll weitergehen
Ganz zu Ende soll diese Kooperation aber gar nicht sein. FCAS besteht ja nicht nur aus dem Kampfjet, sondern auch aus Drohnenschwärmen und der Combat Cloud. Vor allem bei der digitalen Vernetzung könnte die Zusammenarbeit fortgesetzt werden. Merz wirbt jetzt dafür, dass Frankreich, Deutschland und Spanien weiter an der Combat Cloud arbeiten. Ob es dazu kommt, ist aber noch unklar. Vorstellbar, dass diese Vernetzung mit weiteren Partnern als europäisches System entwickelt wird. Wie es zwischen Paris und Berlin nach dem Debakel mit dem Prestigeprojekt weitergeht, soll nun im Juli geklärt werden: Die Verteidigungsminister beider Länder sollen dann beim deutsch-französischen Ministerrat einen Plan für die weitere Rüstungszusammenarbeit vorlegen. Der Arbeitsplan, heißt es, soll diesmal auf „wenige realistische, relevante Vorhaben“ konzentriert werden.



