Die Rentenreform der Bundesregierung steht vor einer düsteren Prognose: Bis zum Jahr 2036 werden laut einer aktuellen Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW Köln) rund 4,3 Millionen Arbeitskräfte fehlen. Dies bedeutet, dass die Zahl der Beitragszahler zur gesetzlichen Rentenversicherung deutlich hinter den Erwartungen zurückbleiben wird. Die Bevölkerungszahl soll bis 2045 sogar um 2,9 Prozent auf etwa 81,1 Millionen Menschen sinken. Damit hat sich der demografische Ausblick im Vergleich zu früheren Annahmen verschlechtert, da das IW zuvor noch von einem moderaten Wachstum bis 2040 ausgegangen war.
Rentenfinanzierung: Ausgaben im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung gesunken
Das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung hat in einer aktuellen Studie gezeigt, dass die Ausgaben für die gesetzliche Rente gemessen an der Wirtschaftsleistung in Deutschland heute niedriger sind als vor knapp 30 Jahren. Im Jahr 1997 lagen die Ausgaben noch bei zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP), während sie 2024 nur noch 9,3 Prozent betrugen. Dies ist besonders bemerkenswert, da die Zahl der Rentnerinnen und Rentner im gleichen Zeitraum um über drei Millionen gestiegen ist. Auch die Bundeszuschüsse zur Rentenkasse sind anteilig gesunken: von 34 Prozent der Gesamteinnahmen im Jahr 2003 auf 29 Prozent im Jahr 2024.
Gründe für den Arbeitskräftemangel
Die IW-Forscher führen den prognostizierten Mangel an Arbeitskräften auf zwei Hauptfaktoren zurück: Zum einen die „eingetrübte konjunkturelle Perspektive“, die den Arbeitsmarkt für Fachkräfte aus dem Ausland weniger attraktiv macht. Zum anderen die „Migrationswende der Bundesregierung“, die dazu führt, dass weniger Menschen nach Deutschland kommen, die sozialversicherungspflichtige Jobs übernehmen. Kurz- und mittelfristig seien keine Zuwächse durch Zuwanderung zu erwarten, so das IW.
Mobilisierung vorhandener Potenziale
Um die Finanzierung der Rente zu sichern, müsse der Arbeitsmarkt vor allem auf die Mobilisierung vorhandener Kräfte setzen. Dazu gehören Frauen, Ältere und Menschen mit Migrationshintergrund. Der IW-Forscher Holger Schäfer betont, dass zunächst Fehlanreize abgeschafft werden müssten. „Wir müssen in einem ‚Demografie-Check‘ jedes Gesetz, jede Regelung und jede staatliche Leistung daraufhin untersuchen, ob es einen Anreiz bietet, weniger oder gar nicht zu arbeiten“, so Schäfer. In einem zweiten Schritt müsse es darum gehen, die Möglichkeiten zu schaffen, dass Menschen mehr arbeiten können. Dazu zählt der Ausbau der Betreuungsinfrastruktur für Frauen. Letztlich müsse es sich für Erwerbstätige lohnen, mehr zu arbeiten – die Politik könne hier über die Höhe des Abgabenkeils aus Steuern und Sozialversicherungsbeiträgen steuern.
Das Dilemma der Bundesregierung
Schäfer spricht damit das grundlegende Dilemma der Bundesregierung an: Einerseits benötigt sie Steuereinnahmen und Beiträge für die Sozialsysteme, andererseits darf sie die Arbeitnehmer nicht durch zu hohe Lohnnebenkosten belasten. Die Deutsche Rentenversicherung Bund plant laut ihrer Frühjahrseinschätzung 2026 für das Jahr 2035 mit Einnahmen von 625,8 Milliarden Euro und Ausgaben von 628,7 Milliarden Euro. Für 2040 werden Einnahmen von 720,9 Milliarden Euro und Ausgaben von 719,5 Milliarden Euro erwartet. Wie sich diese Werte unter Berücksichtigung der IW-Prognose entwickeln, bleibt abzuwarten. Klar ist jedoch, dass die Kostensteigerungen enorm sein werden.
Vorschläge von Experten
Der Rentenexperte Johannes Geyer vom DIW Berlin schlägt mehrere Maßnahmen vor, um den Arbeitsmarkt attraktiver zu machen: Eine Reform des Ehegattensplittings in Richtung Individualbesteuerung, eine Überarbeitung der Minijob-Regelung zur Vermeidung der Teilzeitfalle sowie verlässliche Kinderbetreuung. Für Ältere solle der vorgezogene Renteneintritt weniger attraktiv gestaltet werden. Zudem seien lebenslanges Lernen, Gesundheitsförderung und altersgerechte Arbeitsplätze wichtig. Menschen mit Migrationshintergrund erreiche man durch eine echte Willkommenskultur, unbürokratische Anerkennung ausländischer Abschlüsse und Sprachförderung.
Der Wirtschaftswissenschaftler Joachim Ragnitz vom ifo-Institut kritisiert die hohen Abzüge vom Bruttolohn durch Steuern und Sozialbeiträge sowie die Möglichkeit hoher Lohnersatzleistungen wie das Bürgergeld. Auch die hohen Transferentzugsraten, bei denen Hinzuverdienste auf Sozialleistungen angerechnet werden, seien problematisch. Zudem gebe es bei vielen Menschen eine „Präferenz für Freizeit“. Für die Unternehmen kämen ungünstige Zukunftserwartungen, geringe Renditeaussichten, hohe Arbeitskosten und unzureichende Wettbewerbsfähigkeit hinzu. Ragnitz betont, dass die Kosten der Alterssicherung nicht einfach auf Steuer- und Beitragszahler abgewälzt werden könnten. „Eigentlich ist das ein eklatantes Politikversagen“, so der Experte. „Prognosen des Gesamtsozialversicherungsbeitrags gehen ja in die Richtung 50 Prozent. Man braucht also ganz sicherlich Reformen, die die Belastungen auf alle beteiligten Gruppen verteilen.“



