ARD-Sonntagskrimi: Der Wien-„Tatort“ im Schnellcheck
Wann ist ein Mann ein Mann? Bei Ermittlungen in einer betreuten Jungs-WG trifft das „Tatort“-Team auf harte Typen, die eigentlich Softies sind, und Knirpse, die voller Aggression stecken. Von Christian Buß
Das Szenario: Im Testo-Knast. Nach dem Mord an dem Leiter einer betreuten Jungs-WG werden Majorin Fellner (Adele Neuhauser) und ihr Kollege Eisner (Harald Krassnitzer) mit ganz unterschiedlichen halbwüchsigen Charakteren konfrontiert. Harte Typen, die eigentlich Softies sind. Verschüchterte Knirpse, in denen die Wut kocht. Einfühlsame Pädagogen, die einen tiefen Frauenhass in sich tragen.
Der Clou: Mannsein als multiple Krise
Dieser „Tatort“ beginnt sehr langsam, entwickelt dann aber eine erbarmungslose Schärfe, indem er die subtilen Demütigungstechniken und den offenen Machismo bei den jugendlichen Bewohnern und ihren erwachsenen Betreuern aufzeigt. Gegenwart und Vergangenheit fließen in erhellenden Szenen ineinander. Ein kunstvoller vorletzter Fall für Eisner und Fellner, die im Laufe dieses Jahres in Rente gehen.
Der Auftritt
Christoph Lackner-Zinner als Levi Hubner. Die Gesichtszüge des Jungen sind weich und kindlich, doch darunter lauert eine bereits lange gereifte Verzweiflung. Einmal krakeelt er wie aus dem Nichts: „Schleich dich, du Hurensohn!“
Das Bild: Der weinende Kerl
In einer Szene laufen einem der Betreuer die Tränen übers Gesicht, während er verschämt in die Ecke schluchzt. Männer dürfen nicht weinen? In diesem „Tatort“ ist für alle Regungen Platz.
Die Musik
Zu gedrosseltem Beat fängt einer der Jugendlichen an zu rappen: „80 Jahre Lebenszeit / sechs Jahre leben, danach neun Jahre Streber sein / 15 Jahre arschgefickt und pflegereif / Find ich mega-nice.“ Im Gegensatz zu gesellschaftskritisch ambitionierten Hip-Hop-Performances in anderen „Tatort“-Revieren ist dieser Versuch recht gelungen.
Bewertung: 8 von 10 Punkten. Aufreibend, fordernd, treffsicher. Der „Tatort“ als Maskulinitätsreport.



